Die schamlose Wahrheit

Als Pflegeeltern tun wir alles, was notwendig ist, um unser Pflegekind zu schützen und ihm einen guten Start ins Leben zu ermöglichen. Momentan sieht es so aus, als ob der Kindesvater jedoch alles unternimmt, um unsere Absicht zu torpedieren. Der Termin für die gerichtliche Anhörung kommt immer näher. Und wir werden immer unsicherer.

Unsere Anwältin ruft mich an.

„Ich möchte Ihnen empfehlen“, spricht sie mich auf ihre unverwechselbare ruhige, gelassene Art an, „einen Bericht zu Jeannetts traumatischer Entwicklung und den Folgen einer Rückführung zu verfassen und diesen dem Gericht zuzustellen.“

„Warum ist das noch notwendig?“, wehre ich mich mit einem Anflug von Kraftlosigkeit und Mattigkeit. „Die Gutachten sprechen doch für sich selbst, besser könnte ich die Situation auch nicht schildern.“

„Doch, doch“, ermutigt sie mich, „bedenken Sie, dass die Richterin gar nicht die Zeit hat, die Gutachten zu lesen. Gerade Ihre Einschätzung als die jenigen, die ständig mit dem Kind zu tun haben und am nächsten dran sind an der Entwicklung und am meisten betroffen sind, könnten der Ausschlag gebende Moment in der Entscheidung sein.“

„Bitte“, fleht sie mich an, „tun sie es für Jeannett. Sie wird Ihnen einmal dankbar sein dafür, dass Sie ihr eine Stimme gegeben haben.“

Also setze ich mich hin und schreibe unter Tränen den folgenden Bericht. Und ich erlebe in komprimierter Form, was unser Pflegekind bisher durchgemacht hat und was ihm womöglich droht.

Zusammenfassung der traumatischen Entwicklung und deren Auswirkungen des Pflegekindes Jeannett Sodann

(zur Vorlage beim Anhörungstermin beim Familiengericht)

Traumatisierende Entwicklung im Kindesalter

Jeannett war dem Hilfeplan vom November 19xx zufolge vernachlässigt und verwahrlost. Es gab den Verdacht sexuellen Missbrauchs, der jedoch nicht eindeutig bestätigt werden konnte. Oft wurde sie zusammen mit ihrer Schwester in die Obhut von Nachbarn gegeben. Es gab eine polizeiliche Meldung aus 19xx, der zufolge beide Kinder in der Öffentlichkeit von der Bekannten des Kindesvaters (KV) geschlagen wurde. Jeannett wurde im Oktober 19xx in das zuständige Kinderheim aufgenommen.

Anlässlich eines Umgangskontaktes mit dem KV wurde Jeannett Augen- und Ohrenzeugin eines Gewaltverbrechens an ihrer leiblichen Mutter (Kinder- und Jugendpsychiatrisches Gutachten zum Antrag nach Opferentschädigungsgesetz), das zur Vermittlung in unsere Pflegestelle führte.

Jeannetts Entwicklung in unserer Pflegestelle

Seit der Aufnahme in unserer Pflegestelle zeigten beide Geschwister zunehmend ein stark traumatisiertes Verhalten. Wir konnten ein als „Lolita-Syndrom“ bezeichnetes Verhalten feststellen, mit dem sich sexuell traumatisierte Kinder männlichen Personen (in diesem Falle dem Pflegevater) anbieten, um sexuelle Übergriffe zu verhindern. Mit Beginn der Pflegschaft konnten wir beobachten, dass Jeannett sexuelle Handlungen an ihrer Schwester Susann vornahm. Darüber hinaus verübte Jeannett bis 2008 Diebstähle und zeigte stark aggressives Verhalten.

Auf Antrag der Pflegeeltern wurde Jeannett im April 2xxx untersucht und eine Emotionale Störung des Kindesalters diagnostiziert. Das OEG-Gutachten kommt zur selben Einschätzung. Ein Gutachten des Jugendamtes gem. §35a KJHG kam zum Ergebnis, dass eine Bedrohung durch seelische Behinderung mit Einschränkung an der gesellschaftlichen Teilhabe vorliegt.

Seitdem Jeannnett verstärkt Kontakt zum Kindesvater hat, destabilisiert sich ihre psychische Situation. In Verbindung mit der pubertären Entwicklungsphase sucht sie intensiv nach ihrer Herkunft. Symptome wie Schlaflosigkeit und Leistungsabfall in der Schule treten auf. Die Forderung des KV nach Umsiedlung in die Nähe ihres Wohnortes hat bei ihr einen schweren Loyalitätskonflikt ausgelöst. Dabei spielt die wiederholte Forderung des KV nach einer Entscheidung Jeannetts über ihren Verbleib in unserer Pflegestelle eine gravierende Rolle. Offensichtlich fühlt Jeannett sich nicht in der Lage, eine Entscheidung dieser Tragweite treffen zu können.

Der Loyalitätskonflikt äußert sich darin, dass Jeannett gegenüber des KV sich offensichtlich ganz anders äußert als uns gegenüber. Wir können beobachten, dass Jeannett eine dissoziative Persönlichkeit besitzt. Deren einer Teil stellt die leibliche Tochter des KV dar, der andere die Pflegetochter, die die Pflegeeltern als erzieherische Instanz akzeptiert. Wir haben bereits in früheren Jahren Symptome für eine dissoziative Persönlichkeit feststellen können, als Jeannett sich anlässlich von Diebstählen nicht mehr an den Tathergang erinnern konnte und die Tat insgesamt geleugnet hat. Dies ist für traumatisierte Kinder sehr typisch.

Jeannetts Bindungsverhalten

Jeannetts Bindungen beziehen sich in starkem Maße auf ihre schulische Umgebung. Sie hat gute Beziehungen zu ihren Klassen- und Schulkameraden. Unter dem Verlust von erwachsenen Bindungspersonen im schulischen Bereich wie dem Sozialarbeiter und einer Lehrerin, die sie ins Vertrauen gezogen hat, hat sie anfangs stark gelitten. Jedoch hat sie neue Bindungen an die neue Sozialarbeiterin aufgebaut und die Bindung an ihre Klassenlehrerin ausgebaut.

Familiäre Bindungen an uns als „Ersatz-“ Eltern haben sich verstärkt. Bei uns sucht sie Schutz und Entscheidungshilfen in schwierigen Situationen. Eine besonders tiefe, emotionale Bindung besteht zu meiner Schwägerin, die wir dies bezüglich als Zeugin benennen. Jeannett hat meine Schwägerin deshalb bewusst zur Patin bei ihrer Taufe erwählt. Auch an deren Familie (Kinder) ist sie stark gebunden.

In Anbetracht ihrer frühkindlichen negativen Erfahrungen mit Erwachsenen ist es als erheblicher Fortschritt zu werten, dass Jeannett überhaupt in der Lage ist, vertrauensvolle Bindungen an Erwachsene zuzulassen und zu entwickeln.

Bewertung der Folgen einer Umsiedlung an den Wohnort des KV

Eine Umsiedlung Jasmins an den Wohnort ihres Vaters würde den Verlust aller Bindungen an ihr schulisches und soziales Umfeld bedeuten. Diese erneut in einem fremden Umfeld aufzubauen, würde ein unwägbares Risiko darstellen.

Ebenso würde ein Umzug bedeuten, dass die gewachsenen Bindungen an die Pflegeeltern und deren Familie ohne Bedeutung würden und für eine positive Entwicklung Jeannetts nicht mehr zur Verfügung stünden. In Hinblick auf Jeannetts Vernachlässigung und Traumatisierung durch den KV würden die verstärkten Kontakte zu ihrer leiblichen Familie das Risiko einer Retraumatisierung erheblich verstärken, wenn nicht gar unausweichlich machen. Die weitere Ausbildung der dissoziativen Persönlichkeit würde das Risiko einer Persönlichkeitsstörung im Erwachsenenalter (z.B. Borderlinesyndrom) erheblich verstärken.

Wenn ich diesen Bericht lese, verwundert mich, wie ich es geschafft habe, solcherlei objektiven, neutralen Worte zu wählen. Sie drücken nicht aus, was wir mit beiden Kindern durchgemacht haben und noch durchmachen. Aber sie geben einen Einblick in die Unausweichlichkeit der Folgen, die ein Umzug unserer Pflegetochter nach Berlin haben würde.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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