Die sperren mich ein!

Sicherheit und Konsequenz, das ist es, was Pflegeeltern ihren Pflegekindern bieten sollten. Jahrelang haben diese Kinder in einer instabilen Umgebung gelebt und nicht erfahren, was es heißt, auch Grenzen gesetzt zu bekommen. Aber so manches Mal ist es nicht einfach, gerade gegenüber pubertierenden Jugendlichen diese Konsequenz auch durchzuhalten. Sie ist immer wieder Anlass zu Auseinandersetzungen.

Seit Tagen liegen schmutzige und saubere Wäsche durcheinander mit Schulsachen und anderen Dingen auf dem Boden von Jeannetts Zimmer. Seit Tagen ist bekannt, dass Niki, ihre Freundin, sie heute zum Sport abholen will. Seit Tagen erklären wir Jeannett, dass daraus nichts wird, wenn sie nicht mindestens den Boden freiräumt und alles an seinen Platz bringt. Seit Tagen ist nichts passiert. Unsere Angebote, ihr dabei zu helfen, lehnt sie schroff ab.

Nun kommt es zum Showdown. Niki klingelt an unserer Tür. Wir wollen Ergebnisse sehen. Zwar liegt nur noch wenig auf dem Boden. als wir aber die Schranktür öffnen, fällt uns alles entgegen, was sie da hinein gestopft hat. Saubere und schmutzige Wäsche zusammen mit anderen Dingen, so wie sie es gerade vom Boden aufgehoben hat.

„Jeannett, das geht so nicht“, gebe ich ihr zu verstehen. „Du hast probiert, dich darum herum zu drücken. Das musst du noch einmal in Ordnung bringen.“

„Schön“, brüllt sie mich an. „Und was ist jetzt mit Niki?“

„Jeannett“, schaltet sich jetzt Ruth ein, „du hast lange genug davon gewusst, dass du das Zimmer aufräumen musst. Du hast dich nicht darum gekümmert. Erkläre das jetzt bitte deiner Freundin.“

„Ich schätze mal“, fahre ich fort, „dass das hier noch eine Stunde mindestens dauern wird.“

„Es geht mir so Scheiße, ich kann nicht aufräumen“, versucht sie sich zu rechtfertigen.

„Aber zum Weggehen reicht´s noch“, argumentiere ich jetzt etwas gemeinerweise. Jeannett hat wieder diese kleinen Augen und wieder diese Zornesfalte zwischen den Augen. Sie verschwindet vor die Tür und bespricht sich mit Niki. Dann taucht sie wieder auf. Sie zückt ihr Handy, positioniert sich damit mitten im Flur, damit wir alles mitbekommen, was sie sagt.

„Jetzt sperren sie mich sogar ein. Ich darf nicht mit meiner Freundin weggehen.“

„Nein, sie haben mich nicht geschlagen.“

„Nein, ich will nicht abgeholt werden.“

„Ich weiß. Sie haben sich jetzt einen Anwalt genommen.“

Dann verschwindet sie in ihrem Zimmer und telefoniert dort weiter. Heute sehen wir sie nicht mehr.

Offenbar hat Jeannett mit ihrem Vater telefoniert. Sie hat die Situation genutzt, um sich bei ihm ins rechte Licht zu setzen. Der denkt jetzt natürlich, dass wir seine Tochter misshandeln. Aber wir wissen ja, was passiert ist und welche Gründe die Auseinandersetzung hatte. Davon erzählt Jeannett natürlich nichts.

Hier zeigt sich schon, was wir noch später erfahren werden. Jeannett inszeniert Situationen so wie sie sie sehen will und bindet alle Beteiligten in die ihnen zugedachten Rollen ein. Dabei geht sie äußerst schlau, kühl und berechnend vor, auch wenn sie sehr emotional agiert. Natürlich werden wir lernen, dass es krankhaft ist. Aber diese Erkenntnis nutzt uns im Moment wenig.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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Eine Antwort zu Die sperren mich ein!

  1. Land Ei schreibt:

    Kenn ich…. Nicht ganz so krass, aber sehr ähnlich.
    Beste Grüße vom
    Landei

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