Einigung gescheitert

Dass Pflegeeltern mit den leiblichen Eltern ihrer Pfleggekinder nicht auskommen, ist nicht selten zu beobachten. Anders herum soll es auch passieren. Aber dass es zu einem regelrechten Krieg kommt, sollte vermieden werden. Dies ist schon deshalb notwendig, um das Kindeswohl nicht zu gefährden. Was aber, wenn Pflegekinder in der ständigen Angst leben müssen, ihre Bezugspersonen und ihr gesamtes soziales Umfeld verlieren zu müssen?

Dies scheint bei uns genau jetzt der Fall zu sein. Jedenfalls berichtet Frau Gerster, die Mitarbeiterin des Jugendamtes, dass das Gespräch zwischen Herrn Sadowczik vom Berliner Jugendamt, dem Kindesvater, Herrn Sodann und ihr ergebnislos verlaufen sei. Das Ziel war, den Kindesvater davon zu überzeugen, dass es Jeannett bei uns gut hat und eine Umsiedlung nach Berlin ihr schwer schaden würde.
Beide Jugendämter sind deshalb gegen Jeannetts Umzug nach Berlin.

„Der Kindesvater war nicht davon zu überzeugen, dass die jetzige intensive Besuchsregelung schon ein großer Fortschritt ist“, berichtet sie. „Er hat Jeannett eine Frist von zwei Wochen gesetzt, innerhalb derer sie sich entscheiden soll. Es soll wohl auch eine Pflegefamilie in Berlin zur Verfügung stehen. Herr Sodann hat aber keine Vorstellung davon, wie die Herausgabe stattfinden soll. Auch einen Termin hat er nicht genannt, nur, dass sie stattfinden soll, wenn er Geld hat, also an Anfang des Monats.“

Es gelingt mir kaum, meine Erregung zu verbergen. „Können Sie sich vorstellen, was wir im Moment durchmachen?“, mache ich mir Luft.

„Tatsache ist“, fährt Frau Gerster fort, „dass der Kindesvater das Aufenthaltsbestimmungsrecht hat. Wir müssen mit einem, eventuellen auch spontanen Herausgabeverfahren rechnen.“

„Was bedeutet dass dann für Jeannett?“, frage ich, fast mutlos.

„Das bedeutet, dass der Kindesvater plötzlich bei Ihnen erscheint und Jeannett abholt. Er hat das Recht dazu.“

„Gibt es nicht eine Möglichkeit das zu verhindern? Können Sie da nicht etwas tun?“

„Wenn Sie Jeannett schützen wollen,“ antwortet sie ruhig, „müssen Sie jetzt einen Antrag auf Verbleib stellen. Der hätte gute Chancen, weil Jeannett ja schon so lange bei Ihnen wohnt. Damit könnte man Zeit gewinnen. Es kann Jahre bis zu einer Hauptverhandlung dauern.“

„Aber da ist sie ja schon volljährig“, wende ich ein.

„Damit aber die Herausgabeforderung außer Kraft gesetzt wird“, erklärt Frau Gerster weiter, „muss in Verbindung mit dem Verbleibensantrag eine Einstweilige Anordnung ergehen, die es dem Kindesvater untersagt, Jeannett einfach so mitzunehmen.“

„Ja, das machen wir auf jeden Fall“, bekräftige ich meinen Kampfeswillen.

„Dann wünsche ich Ihnen viel Kraft und viel Erfolg“, verabschiedet sich Frau Gerster freundlich. Mir ist elend zumute.

Es ist für uns als Pflegeeltern unbegreiflich, wie es möglich ist, dass leibliche Eltern ihren Kindern – erneut – so viel Leid antun können und dass sie augenscheinlich damit im Recht sind. Sicher ist vor Jahren versäumt worden, dem Kindesvater das Sorgerecht komplett zu entziehen. Eine solch scharfe Waffe in den Händen unbedarfter oder gar bösartiger Menschen führt zu erheblichen Verletzungen bei den Kindern.

Ebenfalls unbegreiflich ist mir, dass das Jugendamt augenscheinlich die Verantwortung für die Verhinderung einer unsinnigen Entscheidung auf uns ablehnt. Wir müssen einen Anwalt bemühen, wir müssen argumentieren, wir müssen die ganze Situation ausbaden. Aber wir sind schon froh darüber, dass wir zumindest die Unterstützung beider Jugendämter haben.

Am meisten erschüttert uns, dass es hier offensichtlich nicht um Jeannetts Wohlsein geht. Die Auflösung der Bindung zu uns, der Verlust des sozialen Umfeldes an der Schule und im Freundes- und Familienkreis, eingetauscht gegen die instabilen Verhältnisse beim Kindesvater und die Gefahren der Großstadt, die Jeannett nicht kennt – Argumente für uns, aber nicht für die Juristen und schon gar nicht für den Kindesvater.

Was sollen wir tun? Widerwillig müssen wir uns auf einen Rechtsstreit einlassen, den wir nicht wollen und wir müssen mit den Auswirkungen der ungeklärten Situation auf Jeannett auseinandersetzen. Ein Ende ist nicht absehbar.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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4 Antworten zu Einigung gescheitert

  1. Land Ei schreibt:

    Kindeswohl…. wassn das???
    Wir kämpfen ja gerade mit und für Mini. Sehr ähnliche Situation.
    Und den Herren Erzeugern ist das Kindeswohl echt sch****egal.
    Gruß vom
    LandEi

  2. franziska schreibt:

    Hallo Ralph,

    es gruselt einen zu lesen was ihr durchgemacht habt und wieviel ihr im ungwissen gelassen wurdet. die mangelnde Unterstützung des Jugendamts tut ihr übriges. ich fühle mit euch. Liebe grüße
    Franzi

    • Sir Ralph schreibt:

      Hallo, Franzi, das Schlimme ist, dass das Jugendamt, selbst wenn sie uns wohl gesonnen sind, offensichtlich ebenso keine Möglichkeit haben, einzugreifen, wenn das Sorgerecht bei den leiblichen Eltern liegt. Außerdem wollen sie keine Auseinandersetzung, keinen Ärger, einfach Ruhe im Schiff.

      Danke, dass Du die Traumakinder mitverfolgst. Ich kann versprechen, es wird noch spannender.

      Ralph

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