Hilfe ungeeignet

Pflegeeltern greifen nach jeder Hilfe, die sie erlangen können, um ihre Pflegekinder zu verstehen und ihnen ihrerseits helfen zu können. Supervisionen sind angebracht und häufig erfolgreich, aber auch die Begleitung von Therapien für die Kinder kann sehr aufschlussreich sein. Leider gibt es wenig Möglichkeiten, über die Therapieform mit zu entscheiden, und so finden sie sich unversehens in einer Situation, die ihnen mehr schadet als nützt.

Eine dieser Therapieformen ist die systemische Familientherapie. Sie ist gänzlich auf die Gegenwart und Zukunft ausgerichtet, Unsere Therapeutinnen zeigen in ihrem Bericht, dass sie nicht gewillt sind, Jeannetts Vergangenheit auch nur ansatzweise einzubeziehen. Leztlich läuft alles darauf hinaus, uns von der Wirksamkeit ihres Therapieansatzes zu überzeugen.

„Die Einführung neuer (systemischer) Sichtweisen auf die familiäre Situation ist für die Pflegeeltern teilweise schwer nachzuvollziehen, da sich bei ihnen sicherlich durch die zahlreichen Diagnostiken in der Vergangenheit eine pathologisch defizitorientierte Denkweise festgesetzt hat. Durch das systemisch therapeutische Vorgehen werden hier die bisherigen überholten Überzeugungen verstört.“

Das heißt: Die Pflegeeltern sind verblendet durch die bisherigen Therapieansätze und dazu noch stur und störrisch. Ihre bisherigen Überzeugungen sind aber überholt. Unsere sind die richtigen.

„Jeannett ist ein normal altersgerecht entwickeltes Mädchen. Sie besitzt eine hohe Reflektionsfähigkeit, einen starken Willen und ist in der Lage, jederzeit deutlich ihre Meinung zu äußern.“

Komisch, warum sitze ich dann häufig bei ihr am Bett, sie weint und fragt mich „Warum muss ich mich immer entscheiden? Ich weiß gar nicht mehr was richtig und was falsch ist.“

„Das Therapeutenteam sieht bei Jeannett z.Z.t. keinen therapeutischen Handlungsbedarf.“

Was wollen die dann hier? Uns therapieren?

„Die Pflegeeltern pflegen in dieser Rolle einen sehr persönlichen Stil, wobei sich insbesondere die große Liebe zu ihrem Pflegekind sehr deutlich zeigt. Dies macht es ihnen sehr schwer, die professionelle Ebene einer temporären Pflegeeinrichtung mit klarem Erziehungsauftrag zu akzeptieren.“

Wir können diesen Widerspruch nicht akzeptieren. Warum sollten wir nicht professionell handeln können und dennoch, oder gerade deshalb Jeannett lieben können? Wir kennen dieses Argument. Liebe, persönliches, empathisches Eingehen auf das Pflegekind ist unprofessionell, verhindert professionelles Handeln und verhindert die Abgrenzung, die diese „Fachleute“ für notwendig halten.

Wer sich gegenüber traumatisierten Kindern abgrenzt, ist unserer Meinung nach feige und gefühllos. Gerade die Betroffenheit von den vielen Verletzungen macht den Menschen aus.

„In der Pflegefamilie hat sich ein Bild von Jeannett verfestigt, das sie als schwer traumatisiertes, hilfebedürftiges Mädchen sieht. Unserer Ansicht nach wurde diese Sicht auf das Kind durch vergangene Gutachten aus der Zeit der Übernahme beider Pflegekinder untermauert und hat sich seitdem alle Entwicklungen und Veränderungen negierend, bei den Pflegeeltern festgesetzt.“

Aha. Wir sind also in der Vergangenheit stecken geblieben und haben eine völlig verkehrte Sicht auf Jeannett. Wir sind stur und sind nicht bereit, Veränderungen wahrzunehmen. Schlafstörungen, depressive Phasen, Konkurrenz zu ihrer Schwester, der fordernde Einfluss des Kindesvaters, emotionale Labilität sprechen eine andere Sprache. Aber diese Symptome passen den Therapeutinnen nicht ins Bild und werden durch diese völlig ausgeblendet.

„Jeannett selbst möchte nicht mehr über Probleme reden, sondern über ihre Interessen im Hier und Jetzt. Dies äußert sie klar und nachdrücklich.“

Tatsächlich haben die Therapeutinnen nicht einmal den Versuch gemacht, einen Zugang zu Jeannett zu finden. Warum sollte Jeannett ihnen deshalb über die Probleme, die ihr Leben noch immer bestimmen, reden wollen?

„Ein Festhalten an dem alten pathologischen Bild von Jeannett wirkt sich entwicklungshemmend aus und sollte deshalb unverzüglich beendet werden. Einige Glaubenssätze und Ideen über Pathologie und Therapie sollten zugunsten einem Bild von menschlicher Vielfalt und Unterschiedlichkeit im persönlichen Umgang mit Problemen weichen.“

Soll heißen: Wir behindern Jeannetts Entwicklung, weil wir sie für krank halten. Statt dessen sollen wir akzeptieren, dass der Kindesvater seine Töchter traumatisiert und vernachlässigt hat, weil sich darin zeigt, wie unterschiedlich Menschen Probleme angehen.

Das ist die abenteuerlichste, unmenschlichste Forderung, mit der ich je konfrontiert worden bin. Und ich halte es nicht für Schwäche, ihr nicht entsprechen zu können.

„Die wesentliche Aufgabe, Elternarbeit, sollte jetzt oberste Priorität haben. Dies bedeutet für die Pflegefamilie eine große Herausforderung, zumal sich die Pflegeeltern vom Alter her eher auf der Ebene der Großeltern bewegen.“

Wie, verehrte Therapeutinnen, soll Elternarbeit stattfinden, wenn die Herkunftsfamilie jede Kommunikation verweigert? Wenn es nur um Machtausübung geht? Und vor allem: Was hat unser Alter damit zu tun? Außer vielleicht, dass wir der Elterngeneration einiges an Wissen und Erfahrung voraus haben?

Für mich zeigt dieser Bericht, dass die systemische Therapie nicht geeignet ist, traumatisierten Pflegekindern und ihren Pflegeeltern zu helfen. Wie sich zeigt, verweigert diese Therapieform die Einbeziehung der Vergangenheit, die ja die Basis für Jeannetts jetziges Handeln ist, in die Lösung der Probleme. Wir konnten auch beobachten, dass die Therapeutinnen sich haben blenden lassen von Jeannetts hervorragende Fähigkeit, sich selbst so darzustellen, wie sie sich gerne sehen möchte und Situationen zu inszenieren. Mit der Ausblendung der Vergangenheit werden sie Jeannett nie gänzlich verstehen können. So kommen sie konsequenterweise auch zu dem Schluss, dass Jeannett keinen Therapiebedarf hat.

Auf Grund unserer Beobachtungen können wir nur feststellen, dass diese Form der Therapie gescheitert ist.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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