Ohne uns – für uns

Normalerweise sind Pflegeeltern eng an den Entscheidungen über ihre Pflegekinder beteiligt. Alles wird in einem Hilfeplan festgehalten und dann Stück für Stück umgesetzt, wobei idealerweise das Jugendamt unterstützt. Die zur Pflegefamilie gehörenden Personen sind die jenigen, die den Pflegekindern am nächsten sind und Folgen von Entscheidungen am besten beurteilen können.

Wir wissen von Jeannett, dass ein Gespräch mit dem Kindesvater ohne uns geplant ist. Ich will wissen, warum und rufe deshalb Frau Gerster vom Jugendamt an.

„Ich kann es nicht glauben, dass der Kindesvater Jeannett einfach so ein Ultimatum gestellt hat“, beginnt sie. „Er hat mir versprochen, eng mit uns zusammen zu arbeiten. Wir müssen uns offensichtlich auf alles einstellen.“

„Aber warum findet denn ein Gespräch mit ihm und ohne uns statt“, beschwere ich mich. „Schließlich sind wir die jenigen, die Jeannett am besten kennen und wissen, welche Folgen eine Umsiedlung haben würde.“

„Das sehe ich auch so“, antwortet Frau Gerster, „aber dies ist eine besondere Situation. Der Kindesvater reagiert auf Ihre Anwesenheit ausgesprochen emotional. Herr Sadowczik aus Berlin und ich wollen versuchen, den Kindesvater umzustimmen. Wir wollen ihm klar machen, dass er sich glücklich schätzen kann, dass Sie ihm immer wieder die Zusammenarbeit anbieten und ihm so viele Besuchskontakte zugestehen. Idealerweise wäre er beruhigt, wenn wir ihm darstellen, dass Jeannett es wirklich gut hat bei Ihnen und dass ihr alle Möglichkeiten offen stehen, eine gute Entwicklung einzuschlagen. Wir hoffen, dass er von seinem Vorhaben, Jeannett nach Berlin zu holen, abrückt.“

Das verstehe ich, aber ich sehe wenig Chancen. Schließlich wäre der Erfolg seines Vorhabens auch ein gutes Argument, auch Susann in seine Nähe zu holen. Aber ich bin ebenso sicher, dass sich das alles nochmal für ihn rächen wird. Das kann kein gutes Ende nehmen.

„Sollte sich Herr Sodann nicht umstimmen lassen“, gibt sie weiter zu Bedenken, „sollten sie ernsthaft darüber nachdenken, einen Antrag auf einstweilige Anordnung des Verbleibs bei Ihnen stellen. So können sie verhindern, dass der Vater plötzlich auftaucht und die Herausgabe des Kindes fordert.“

Also rufe ich unsere Anwältin an, um mich nach der Rechtslage und den Möglichkeiten zu erkundigen, die uns bleiben.

„Da der Kindesvater das volle Sorgerecht hat, kann er jederzeit das Aufenthaltsbestimmungsrecht ausüben und Jeannetts Herausgabe fordern“, belehrt sie mich. „Dann haben Sie nichts in der Hand. Deshalb sollten Sie so schnell wie möglich Antrag auf Verbleib bei Gericht stellen, und das im Verfahren der einsweiligen Anordnung.“

Jetzt wird es wohl wirklich ernst und unsere Position scheint alles andere als sicher zu sein. Es scheint, dass wir wirklich etwas unternehmen müssen.

Was ich aus dieser Situation lerne, ist, dass es Menschen gibt, die logischen Argumenten nicht zugänglich sind. Sie handeln nur aus dem Impuls heraus und aus Sympathie und Antipathie. Das Schlimme daran ist, dass wir uns angesichts dieser Lage völlig hilflos fühlen. Es gibt nichts, was wir Positives tun können, wir können nur versuchen, das Schlimmste zu verhindern.

Advertisements

Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
Dieser Beitrag wurde unter Böser Einfluss und die Folgen abgelegt und mit , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s