Locker bleiben!

Es hat auch sein Gutes, wenn Pflegeeltern mal alleine sind, weil ihre Pflegekinder unterwegs sind. Da können sie mal ins Kino gehen, miteinander bei Essen reden, das Lieblingsrestaurant aufsuchen und allgemein etwas Abstand gewinnen.

Heute ist Jeannett aufgebrochen, um Susann in ihrer Einrichtung zu besuchen. Wir nutzen die Zeit für eine Supervisionssitzung mit Frau Sommer.

„Das ist ja unglaublich, was da alles passiert ist“, beginnt die kräftige, impulsive Dame. „Frau Gerster hat mich angerufen und sich erst einmal bei mir einen Rat abgeholt. Sie sagt, sowas ist ihr noch nicht passiert. Sie war unglaublich sauer auf den Kindesvater.“

Wir reden uns alle Ereignisse aus unserer Sicht von der Seele. Frau Sommer hört mit gespannter Aufmerksamkeit zu. Dann hat sie das Wort.

„Ich glaube, es ist das Wichtigste, dass Sie jetzt Jeannetts Entwicklung mitmachen. Das ist so in der Pubertät, Sie können sowieso nichts dagegen tun. Ertragen Sie´s einfach. Unterstützen Sie sie, so lange sie das braucht und zulässt.“

Und dann stellt sie die entscheidende Frage, die wir noch gar nicht gewagt haben, nur zu denken.

„Nehmen wir mal an“, fährt sie grüblerisch fort, „Jeannett will nach Berlin, für immer. Wahrscheinlich würde sie bald merken, dass das mit ihrem Vater nicht klappt. Dann würde sie sich entschließen, zurückzukehren. Würden sie ihr eine Rückkehrmöglichkeit offenhalten?“

Wir sehen uns verdutzt und hilflos an.

„Dann geht das ganze Theater womöglich von vorne los“, platzt Ruth heraus. „Irgendwie braucht man ja auch eine gewisse Planungssicherheit. Sollen wir vielleicht Jahre lang ihr Zimmer erhalten, wie es jetzt ist?“

„Es müsste schon eine Notsituation sein, in der sie sich befindet“, schränke ich ein.

„Ja, das sehe ich ganz genauso“, stimmt Frau Sommer mir zu. „Es müsste auf Betreiben der Jugendämter geschehen und es müsste für Jeannett klar sein, dass es eine definitive Entscheidung ist und sie Sie nicht als Lückenbüßer benutzen kann. Aber ich glube, das könnte man hinkriegen. Man erkennt doch, ob sie es ernsthaft meint oder nicht. Sehen Sie eine Rückkehr einfach als ein Wiedersehen nach einem langen Urlaub.“

„Wir reden jetzt schon über eine Rückkehr“, wende ich ein, „obwohl Jeannett noch gar nicht weg ist!“

„Aber so wie es aussieht“, erwidert Frau Sommer, „könnte es jeden Tag geschehen. Da ist es besser, wenn Sie darauf vorbereitet sind.“

„Für mich ist das alles schwer vorstellbar“, grüble ich.

„Das allerwichtigste ist, dass sie jetzt locker bleiben und trotzdem mit allem rechnen“, rät die Supervisorin. „Gewinnen sie etwas Abstand und akzeptieren Sie Situationen, wie sie sind. Natürlich ist das eine Schweinerei was der Kindesvater sich da leistet, aber Sie können den nicht ändern, der ist so. Also ist es am besten, wenn Sie gar nicht auf ihn und Jeannetts Inszenierungen eingehen.“

Natürlich hat Frau Sommer Recht. Aber es fällt uns schwer, uns vorzustellen, dass wir Monate lang womöglich auf eine Rückkehr warten und ihr Zimmer als so etwas wie den Tempel ihrer Anwesenheit pflegen. Wir sind zu sehr gefühlsmäßig betroffen durch die ganze Situation.

Wahrscheinlich nehmen wir uns die Situation wirklich zu sehr zu Herzen. Jeannett und ihr Vater wissen ganz genau, welche Knöpfe sie drücken müssen, um bei uns Unbehagen auszulösen. Aber es fehlt uns der Mut, ihr zu sagen „Wenn du meinst, es geht dir besser dort, dann geh doch zu deinem Vater.“ Wir wissen, dass es ihr nicht besser gehen wird. Und wir wollen diesen Schaden von ihr abwenden.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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