Realität und Traum

Manchmal ist es gar nicht schlecht, dass sich Jugendämter streng an Zuständigkeiten halten. Dadurch verhindern sie, dass sie als Schiedsrichter in die Beziehung zwischen Herkunfts- und Pflegefamilie hineingezogen werden. So handelt jedenfalls Frau Gerster.

Als Jeannett aus der Schule kommt, setzt sie sich zu mir an den Küchentisch und erzählt.

„Mein Vater hat bei Frau Gerster angerufen und ihr gesagt, dass er mich in seiner Nähe haben will. Aber die ist ja sowas von stur! Sie hat ihr gesagt, dass er das mit euch besprechen müsste. Ihr sollt das auf der Erwachsenenebene klären.“

„Naja“, antworte ich nachdenklich, „warum denn nicht?“

„Aber ihr würdet doch nie zustimmen“, erklärt sie überzeugt und fügt unsicher hinzu „Oder doch?“

Was soll ich davon halten? Will Jeannett nur wissen, ob wir für sie kämpfen würden? Ist das ein neuer Trick, eine neue Inszenierung, uns gegen ihren Vater auszuspielen?

„Du musst wissen, was du willst“, spiele ich den Ball zurück. „Willst du nach Berlin oder willst du hier bleiben?“

Das war gemein. Natürlich weiß ich, dass sie das gar nicht entscheiden will und kann, weil sie sich in einem Loyalitätskonflikt befindet, der wohl kaum auszuhalten ist. sie sucht jetzt jemanden, den sie für den Fall des Scheiterns verantwortlich machen kann.

„Ach, und außerdem“, lenkt sie ab, „müssen da ja beide Jugendämter zustimmen. Und ich glaube kaum, dass die das tun würden“

Ihr Mund ist schief, zu einem schelmischen Grinsen verzerrt, die Augen fragend, als wolle sie sagen „Prima, jetzt habe ich einen gefunden, dem ich die Verantwortung aufbürden kann!“

Dann rückt sie zu mir heran und legt ihren Kopf an meine Schulter.

„Papa, ich habe da so einen Traum gehabt. Ich habe geträumt, dass mein Papa – also mein richtiger – mit seiner Freundin in einem Mietauto zu uns zu Besuch kommt. Dann steigen wir alle zusammen in unser Auto und fahren an den See zum Schwimmen. Ihr unterhaltet euch wie alte Freunde. Dann fahren wir gemeinsam nach Berlin. Ist das nicht komisch?“

Dann lässt sie den Kopf hängen und flüstert mit traurigem Blick „Schade dass es nie so sein wird. Die hassen euch.“

Wir sitzen noch eine Weile schweigend da. Dann kommt Ruth.

„Aber sag Mama nichts von dem Traum“, bittet sie mich. Sie weiß ganz genau, dass Ruth ihrem Vater sehr kritisch gegenüber steht.

Warum soll ich für diesen Typen Verständnis haben“, hat sie mir einmal gesagt, „nach dem was er den Kindern und seiner Frau alles angetan hat.“ Ganz Unrecht hat sie nicht. Als Mann kann ich das wohl nicht so nachempfinden wie eine Frau.

Wir essen in seltsamer Ruhe unser Abendbrot und Jeannett verschwindet in ihr Zimmer.

Mein Gespräch mit Jeannett wühlt mich emotional auf. Es hat mir vor Augen geführt, was in Jeannett vorgeht. Sie steht zwischen uns und ihrem Vater. Eine Entscheidung, das weiß ich jetzt, kann sie unmöglich treffen. Immer müsste sie jemanden verletzen. Vielleicht glaubt sie, dass es uns nicht so hart treffen würde, dass wir damit klar kommen würden, eher als ihr leiblicher Vater. Vielleicht verspürt sie auch Angst vor ihm. Deshalb wünscht sie sich nichts so sehr wie dass wir Erwachsene Freunde wären, damit sie aus ihrer Klemme herauskommt. aber sie ist schlau genug zu wissen, dass es nie dazu kommen wird.

So geht es weiter, das Spiel, ein Krieg, den wir nicht wollen, der Jeannett kaputt macht. Und wir stecken ungewollt mitten drin. Alles, was wir wollen, ist, dass sie glücklich ist. Wir wissen aber auch, dass sie nie glücklich werden kann, nicht bei ihrem Vater aber auch nicht, wenn sie sich für uns entscheidet. Eine Tragödie, in der die Akteure in einem unauflösbaren Dilemma stecken.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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4 Antworten zu Realität und Traum

  1. Land Ei schreibt:

    *seufz*
    Wie kommt mir genau DAS gerade bekannt vor….

    Liebe Grüße vom
    LandEi

    • Sir Ralph schreibt:

      Hallo, LandEi, ich hoffe, dass es bei euch nicht so eskaliert wie bei uns! Alles Gute und viel Kraft!

      • Land Ei schreibt:

        Na ja…. Mini ist ja zu ihrem LV zurück im Juni, sie wollte uuuunbedingt. Jetzt ist sie am Ende mit den Nerven, weils natürlich so gar nicht rund läuft da,und der Kerl sich so gar nicht kümmert und will zurück. Geht aber nicht, sagt das JA., weil Mini 16 J. Wohngruppe oder LV – sonst nix.
        Wenn das mal nicht so richtig blöd gelaufen ist….

      • Sir Ralph schreibt:

        Na, das ist ja wie bei uns, LandEi! Obwohl mir das Verständnis fehlt für die Entscheidung des Jugendamtes. Bei uns hat es eine Rückkehroption gegeben, sie ist uns angeboten worden. Andererseits kann ich schon verstehen, dass es ein Risiko ist, ein Pflegekind zurückkehren zu lassen. Womöglich geht der ganze Zirkus dann wieder los. Da kann eine frühe Verselbständigung schon perspektivisch günstiger sein. Die Jugendämter scheinen das auch gerade zu favorisieren.

        Dennoch wünsche ich dir viel Kraft und alles Gute!

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