Pflegeeltern nicht erwünscht

Es ist nichts Besonderes, dass Pflegeeltern und leibliche Eltern nicht gut miteinander klar kommen. Häufig wünschen Pflegekinder sich das anders, und deshalb sollten die Pflegeeltern emotionslos und professionell mit den Herkunftseltern umgehen, ungeachtet dessen, was sie ihren Kindern angetan haben. Manchmal spielt allerdings die Konkurrenz zwischen den Erwachsenen eine so große Rolle, das eine Partei von beiden oder beide sich nicht angemessen verhalten.

Mit einem solchen Fall müssen wir uns auseinandersetzen. Es ist Freitag Nachmittag. Wir sitzen gemeinsam im Auto und fahren Richtung Berlin. Am Ziel, der Wohnung des Kindesvaters angekommen, werden wir bereits erwartet. Vater und Lebensgefährtin fangen uns auf der Straße ab.

Es ist eine merkwürdige Situation. „Tach“ stößt Jeannetts Vater hervor, die Frau steht, wie zur Deckung, hinter ihm und würdigt uns keines Blickes. Kein „Wie war die Fahrt“, „Schön dass du hier bist“, nicht zu denken an eine Umarmung für seine Tochter. Die Erwachsenen machen Kehrt und steuern auf die Haustür zu, Jeannett trottet hinterher. Die Atmosphäre entspricht der in einem Tiefkühlschrank, der auf Superfrost läuft.

Dermaßen abgefertigt, steigen wir ins Auto und suchen unsere angemietete Ferienwohnung am Rande der Stadt auf. Minütlich rechnen wir mit Jeannetts Anruf, sie wieder abzuholen, aber das Telefon bleibt stumm.

Am Sonntag, als wir erscheinen, um Jeannett wieder abzuholen, ist die Szene ähnlich. Die Lebensgefährtin lehnt aus dem Fenster des vierten Stockwerks und meldet unsere Ankunft pflichtgemäß weiter. Es dauert ein paar Minuten, die Haustür des Altbaus öffnet sich quietschend und es erscheinen Jeannett und ihr Vater. „Also tschüss“ ist das einzige, das er äußert, ohne uns wahrzunehmen. Jeannett verstaut ihr Gepäck ins Auto und wir treten die Heimreise an.

„Wie war´s?“, erkundige ich mich neugierig.

„War ganz gut“, erwidert sie wortkarg.

„Habt ihr was Schönes gemacht?“, bohre ich weiter.

„Wir haben ferngesehen und ich habe mit dem neuen Handy gespielt.“ Tatsächlich, sie hat ein neues Handy!  „Ich durfte auch so lange ich wollte ins Internet.“

Ich verstehe den Seitenhieb. Der Kindsvater zieht alle Register, die ihm zur Verfügung stehen – und das sind nicht viele – um Jeannett zu beeindrucken und auf seine Seite zu ziehen. Wir haben den Eindruck, er will sich ihre Wertschätzung erkaufen. Emotionen hat er nicht zu bieten.

All das ist nichts weiter als ein Teil des Machtkampfes. Es geht dem Kindesvater nicht um seine Tochter. Es geht ihm darum, uns herabzuwürdigen, egal, wie sehr es seiner Tochter schadet. Er fühlt sich im Recht und betrachtet seine Tochter als Besitz, der sich für ihn ungerechter Weise in unseren Händen befindet.

Das alles sind schlechte Voraussetzungen für eine gedeihliche Zusammenarbeit. Wir erwarten, dass noch viel mehr auf uns zu kommt. Klar ist, dass Jeannett, um die es uns eigentlich geht, langsam in diesem Konflikt zerrieben wird.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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2 Antworten zu Pflegeeltern nicht erwünscht

  1. Land Ei schreibt:

    Kommt mir gerade irgendwie bekannt vor…. nur heißt Jeannett bei uns „Mini“. Nein, es geht dabei nicht um die Kinder, sondern nur um das Ego der Erzeuger.

    • Sir Ralph schreibt:

      Ja,LandEi, und es soll noch schlimmer kommen. Gerade leide ich wieder unter der Erinnerung und versuche, all das aufzuarbeiten.

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