Ausflug in die Vergangenheit

Pflegeeltern wissen ganz genau, dass wenn ihre Pflegekinder in die Pubertät kommen, sie nach ihren Wurzeln suchen. Sie wollen wissen, woher sie stammen und ihre Familie kennen lernen. Wir befinden uns gerade an diesem Punkt.

Heute am frühen Nachmittag steht Jeannett vor mir, eine große Umhängetasche bei sich und darin ein Fahrplan der Bahn und ein Stadtplan von Hamburg.

„Willst du weg fahren?“, frage ich interessiert.

„Jaaa“ ist die dürftige Antwort.

Natürlich weiß ich, was da vor sich geht. Jeannetts Mutter lebt in Hamburg. Blitzschnell schießen mir Gedanken durch den Kopf. Würde ich versuchen, es zu  verhindern, würde es zu einer Auseinandersetzung kommen und nichts an der Situation ändern. Ich kann sie nicht einsperren. Außerdem, so sage ich mir, ist sie fünfzehn und probiert sich gerade massiv aus. Wenn was passieren sollte, können wir immer noch eingreifen.

Abends um acht kommt sie nach Hause, Sie macht einen glücklichen Eindruck.

„Ich war bei meiner Mutter“, strahlt sie uns an.

„Ich weiß“, erwähne ich beiläufig.

„Woher weißt du das?“, fragt sie ungläubig.

„Jeannett, mit großer Tasche, Stadtplan von Hamburg – da braucht man nicht viel zu überlegen.“

„Und du hast nichts dazu gesagt?“

„Warum? Du bist doch wieder da.“ Ich tue cool und unbeteiligt.

„Es war der Hammer. Meine Mutter hat mir viel aus meiner Kindheit erzählt. Ich hatte eine schöne Kindheit!“, bekräftigt sie, als wolle sie sich selbst überzeugen. Sie präsentiert Kinderfotos aus alten Tagen, zusammen mit Susann. Drei Stunden hat sie in der Wohnung ihrer Mutter zugebracht und ihre Vergangenheit aufgearbeitet.

„Woher hattest du denn ihre Adresse?“, erkundige ich mich.

„Mein Vater hat sie mir gegeben. Er hat manchmal noch Kontakt zu ihr.“

„Ach, übrigens“, sagt sie beiläufig, „Kannst du mir mal meinen Notendurchschnitt vom letzten Zeugnis geben? In Berlin brachen sie das für die Schule.“

Das klingt nicht gut. Es klingt nach Rückführung, nach Rückkehr in den Schoß der Familie, die sie jahrelang traumatisiert hat. Betreibt sie nun die Rückkehr oder ist sie nur verwirrt? Ich kann mir keinen Reim daraus machen. Eins ist klar: Jeannett arbeitet in diesen Ferien ihre ganze Vergangenheit ab, und es scheint sie glücklich zu machen. Momentan jedenfalls.

Gegen das Aufarbeiten der Vergangenheit von Pflegekindern ist nichts einzuwenden. Nur versuchen die leiblichen Eltern, die Kindheit, die voll von Traumatisierungen und Vernachlässigung ist, natürlich so positiv wie möglich darzustellen. Es ist nicht die traurige Wahrheit und nützt der Entwicklung von Jeannett nichts. Es ist Wolkenkuckucksheim, eine Situation, die so nicht existiert hat. solche Aktionen helfen nur zu verschleiern und zu beschönigen.

Sollen wir ihr die Wahrheit sagen? Sie kennt sie ja selbst. Sie will sie nur nicht wahr haben.

Advertisements

Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
Dieser Beitrag wurde unter Böser Einfluss und die Folgen abgelegt und mit , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s