Nutzloser Anruf

Pflegeeltern bekommen von den Jugendämtern sehr deutlich gesagt, dass es ein wichtiger Teil ihrer Arbeit sie, mit den leiblichen Eltern Kontakt zu halten und immer wider mit ihnen zu reden, Besuchskontakte zu organisieren und Verständnis zu zeigen. Es darf aber bezweifelt werden, dass dieses Vorgehen den Pflegekindern in allen fällen nützt.

Auf Grund der letzten Geschehnisse und der Unruhe, die der Kindesvater in unsere Familie und in unseren Urlaub gebracht hat, empfinde ich es an der Zeit, mit dem Kindesvater zu reden. Ich nehme mir vor, deutlich und offensiv mit ihm umzugehen und ihn an seine Verantwortung zu ereinnern.

„Herr Sodann“, beginne ich das Gespräch, „Sie haben uns im Urlaub ja ganz schön in Angst und Schrecken versetzt.“

„Wiso denn?“ bellt er mich an.

„Sie haben von Jeannett etwas verlangt, was sie nicht selbst entscheiden kann. Sie ist völlig durcheinander“, versuche ich zu erklären.

„Quatsch!“, brüllt er wieder ins Telefon. „Jeannett jehört zu mir, in meene Nähe, und hier jehört se ooch hin! Dir Jugendamt hat dit abjelehnt und darum hab ick mir ´nen Anwalt jenomm.“

„Ist Ihnen denn gar nicht klar, was Sie mit Ihrer Tochter da machen, was Sie von ihr verlangen? Sie steht doch nun zwischen Ihnen und uns und kann sich nicht entscheiden. Sind Sie sich klar darüber, was Sie von Ihr verlangen?“, versuche ich ihn aus der Reserve zu locken. Aber es klappt nicht.

„Jeannett hat mir jesacht, dit se lieber in meener Nähe wohnen will, sie will dit ooch“, widerspricht er.

Ich lasse nicht nach. „Haben Sie sich mal eine Vorstellung davon gemacht, dass sie ihre Schule hier verlieren würde? All ihre Freunde?“

Nun wird der Mann bockig. „Ick bin nich Schuld, dit mir meene Kinder wegjenomm worden sind. Ick zieh dit jetz durch. Dit Jericht wird entscheiden.“

„Am Wochenende soll Jeannett ja zu Ihnen zu Besuch kommen. Haben Sie schon eine Ahnung davon, wie das ablaufen soll?“, versuche ich nun dem Gespräch eine andere Wendung zu geben.

„Keene Ahnung“, ist die Antwort. „Sie wird eben bei mir wohnen.“

„Haben Sie sich denn schon was vorgenommen? Was Sie mit ihr machen wollen?“, probiere ich etwas aus ihm heraus zu bringen.

„Keene Ahnung“, wiederholt er sich.

„Sie möchten ja, dass Jeannett Sie häufiger besucht“, fahre ich fort. „Haben Sie schon einen Gedanken, wann der nächste Termin sein soll und wie er ablaufen soll?“

„Dir is mir jetz allet zu blöd“, fährt er mich an. „Dit interessiert Sie ooch jar nich, dit is meene Tochter, und so bleibt et ooch!“, ereifert er sich und legt auf.

Als Jeannett nach Hause kommt, ist sie hoch aggressiv.

„Ihr habt mit meinem Vater geredet, nicht?“, fragt sie schnippisch. „Warum lasst ihr ihn nicht einfach zufrieden? Er kann sich doch nicht wehren.

„Ich habe nur versucht, mit ihm über dich zu reden und deine Besuche“, versuche ich sie zu beruhigen.

„Ich will nicht, dass irgend jemand über mich redet“, brüllt sie. „Es ist mein Leben und ich mache sowieso, was ich will!“

Wieder diese Zornesfalte zwischen den Augen auf der Stirn. Wieder der schmale Mund. Und ein hoch roter Kopf.

„Ich habe ja nicht einmal einen eigenen Computer! Und ich will auch ein eigenes Telefon!“

„Ich glaube, du kommst mit gut damit klar, dass du den Laptop benutzen darfst“, argumentiere ich. „Und ein Handy hast du auch.“

„Ja, für das ich immer wieder Aufladungen kaufen muss!“

Ihre Zimmertür schlägt zu. Es herrscht Ruhe.

Uns ist jetzt klar, dass es dem Kindesvater nie und nimmer um seine Tochter geht. Es geht ihm auch nicht darum, dass es ihr gut geht. Alles was er will, ist seinen Kopf durchsetzen und mit uns Krieg führen. Dazu benutzt er Jeannett. Die nutzt das aus, indem sie uns mit Forderungen unter Druck setzt.

Wir befürchten, dass das nicht das Ende der Auseinandersetzung ist. Es wird noch viel mehr geschehen. Und Jeannett wird weiter leiden.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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2 Antworten zu Nutzloser Anruf

  1. Land Ei schreibt:

    Äh… habe ich das richtig verstanden: IHR haltet Kontakt mit den LE? IHR organisiert die Besuchskontakte??? So ganz ungefiltert und direkt?? Das ist bei uns zum Glück ganz anders. Bei uns läuft das IMMER über das Jugendamt. Und das ist auch gut so, die puffern so einiges ab. So sind wir z.B., nie „die Bösen“ für die Kinder, wenn mal wieder irgendwas schief geht rund um die BK.
    Arme Jeannett.

    Gruß vom LandEi

  2. Sir Ralph schreibt:

    Ja, Landei, so ist es. Natürlich sind die Besuchskontakte im Hilfeplan geplant und festgelegt, aber wir befinden uns gerade in einer Situation, in der der Kindesvater das Jugendamt und uns völlig ignoriert und den vollen Zugriff auf Jeannett hat. Das ist das Ergebnis dessen, dass man dem Kindesvater nicht das Sorgerecht oder zumindest das Aufenthaltsbestimmungsrecht entzogen hat, als er die Haftstrafe antrat. Wie sich jetzt herausstellt, ein großer Fehler.

    Alles Gute, Sir Ralph

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