Kindsvater macht ernst

Für Pflegeeltern gibt es immer wieder Situationen, die ihnen das Blut in den Adern gefrieren lassen. Unsinnige, für die Pflegekinder gefährliche Entscheidungen der Jugendämter, aber auch egoistische Verlangen der leibliche Eltern. Letztere werden uns für die nächsten Wochen in Atem halten.

Wir sind zu einem Urlaub an die Müritz aufgebrochen. eine kleine, aber feine Ferienwohnung ist unser Domozil. Jeannett hat ihr eigenes, kleines Zimmer, damit sie ihre eigene Welt haben kann. Immerhin ist sie inzwischen schon fünfzehn. Wir freuen uns auf einen einwöchigen geruhsamen Urlaub mit Baden gehen und Eisessen in Waren.

An diesem Tag haben wir eine Dampferfahrt durch die Seenlandschaft der Müritz gemacht. Jeannett ist müde. Wir beschließen, noch einen Nachmittagsspaziergang zu machen. Als wir zurückkehren, finden wir Jeannett verstört und nachdenklich in unserem Zimmer wieder.

„Ich muss euch was sagen“, beginnt sie ernsthaft, leise und mit versteinerter Miene. Wir befürchten das Schlimmste aber haben keine Ahnung.

„Mein Vater hat angerufen. Er war beim Jugendamt und hat sich erkundigt, wie er Susann und mich zu sich bekommen kann. Das Jugendamt hat eine Rückführung sofort abgelehnt.“

Entsetzen und etwas Erleichterung sind unsere Empfindungen. Noch.

„Dann ist er zu einer Anwältin gegangen. Die hat ihm gesagt, dass er das Aufenthaltsbestimmungsrecht habe und alles gar kein Problem ist. Er hat mir gesagt, sobald ich zustimmen würde, würde er mich sofort abholen.“

Jeannett beginnt leise zu weinen und zu schluchzen. Ruth schließt sie in ihre Arme. Nach ein paar Minuten fängt sie sich wieder.

„Ich würde sofort nach Berlin gehen, wenn Susann auch zurück gehen würde. Aber sie will nicht. Sie will die Schule zuende machen.“

Wie soll das gehen, fragen wir uns. Jeannett hat alles bei uns, soziale Kontakte, die Schule, ein liebevolles Elternhaus, Unterstützung in jeder Hinsicht. Wie sollen beide Kinder in dieser Wohnung zusammen mit dem Kindesvater und seiner Lebensgefährtin leben?

„Sie haben schon eine Pflegefamilie für mich. Ich muss nur noch ja sagen. Aber ich kann mich nicht entscheiden!“

Wieder verfällt sie in leises Schluchzen. Ruth streichelt sie zärtlich. Noch haben wir den Vorteil der unmittelbaren Nähe.

„Mein Vater hat mir ein neues Handy versprochen, ein ganz schickes. Er will mir auch einen Computer kaufen, damit ich nicht immer bei Daddy betteln muss.“

„Willst du das denn wirklich? Weißt du, was das bedeutet?“, frage ich eindringlich. „Du gibst deine Freunde auf, deine Schulkameraden, deine Schule, und das nur für einen Laptop und ein Handy.“

Jeannett schüttelt kaum merklich ihren Kopf. „Eigentlich will ich gar nicht nach Berlin“, gibt sie zu. „Aber er ist mein Vater! Ich muss doch auf ihn aufpassen!“

Heute sehen wir noch etwas gemeinsam fern und Jeannett geht zeitig zu Bett.

Wir können die Situation noch immer nicht begreifen. Der Kindesvater weiß offensichtlich nicht, was er seiner Tochter antut. Er hat keine Vorstellung. Jetzt, wo Jeannett einigermaßen sicher an uns gebunden ist, wo sie auf einem guten Weg ist, erneut die Bindung abbrechen?Was würde es bedeuten, wenn sie mit dem Mann zusammen leben müsste, der für die größte Katastrophe ihres Lebens verantwortlich ist? Der sie unglaublich verletzt hat? Aber das einzige was ihn antreibt, ist der blinde Egoismus und die Konkurrenz zu uns. Er scheut nicht einmal davor zurück, sie mit Geschenken zu erpressen. Es ist die reinste Gefährdung des Kindeswohls, es stürzt Jeannett in einen tiefen Loyalitätskonflikt. Aber das alles, das Wohl seiner Tochter, interessiert ihn nicht. Es kommt ihm nur darauf an, als Gewinner aus diesem schlechten Spiel hervor zu gehen.

Eins ist jetzt klar: Es wird nie ein Vertrauensverhältnis zwischen dem Kindesvater und uns geben. Er betrachtet es als Krieg. Ein Krieg, den er unter allen Umständen gewinnen will.

Der nächste Schritt, den wir jetzt tun müssen, ist Frau Gerster vom Jugendamt zu informieren. Wenn es schon so weit ist, ist eine gerichtliche Verbleibensanordnung wohl unausweichlich, allein, um Jeannett zu schützen.

 

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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2 Antworten zu Kindsvater macht ernst

  1. Land Ei schreibt:

    Puh.
    Es geht diesen Menschen nicht um Kindeswohl. Es geht um Machtspielchen und Rechthaben. Arme Würstchen, zumal sie es offensichtlich ernsthaft nötig haben, Kinder mit Geschenkversprechungen (ob die dann eingehalten werden, steht ja immer noch auf einem weiteren Blatt) zu unsinnigen Handlungen zu verführen.
    Noch ärmere Würstchen die Kinder, die schutzlos und unter den Augen gewisser Jugendämter (zum Glück arbeiten ja nicht alle so) in Loyalitätskonflikte und Schlimmeres gestürzt werden.

    Unsere Mini hat sich aktuell übrigens auch entschieden, wieder komplett beim LV zu leben. Der ist nämlich „cooler“ als wir. Klar ist er das. Es interessiert ihn schlichtweg nicht, wenn seine 15jährige Tochter nach der Schule mit einer sogenannten Freundin mal eben ein wenig Alkohol im Supermarkt einkaufen geht (es gibt immer Mittel und Wege, da dran zu kommen) und das Zeug auch fröhlich konsumiert. Es interessiert ihn auch nicht, wann sie nachts nach Hause kommt (weil er ja eh nicht da ist) oder ob sie einen Schulabschluß bekommt oder nicht. Hauptsache, sie lässt ihn in Ruhe und er kann sagen: „Ich hab das Kind“. Super, oder?
    „Aber er gibt sich doch so Mühe, und er macht seine Sache doch gut!“ (O-Ton Jugendamt) Na denn.
    Wir hoffen, sie kriegt rechtzeitig die Kurve und merkt, auf was sie sich da eingelassen hat.

    LandEi-Grüße!

    • Sir Ralph schreibt:

      Arme Würstchen hin und her, sie machen das Leben unserer Pflegetochter kaputt. Und es wird noch viel schlimmer kommen.

      Spannendes Lesen wünscht
      Sir Ralph

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