Die Schatten des Hilfeplangesprächs

Hifeplangespräche sind wichtig, um festzulegen, wie es mit den Pflegekindern weiter gehen soll. Sie geben dem Jugendamt einen Überblick über das bisher Erreichte und sind für die Pflegeeltern wichtig, um neue Entwicklungen einzuleiten und Ansprüche zu stellen. Für die leiblichen Eltern sind sie meist lästig.

Wenn ein solches Gespräch ansteht, ist Jeannett regelmäßig in einem Ausnahmezustand. Auf die Forderung, ihr Zimmer begehbar aufzuräumen, reagiert sie mit Aggression.

„Ihr habt mir gar nicht zu sagen, wie es in meinem Zimmer auszusehen hat!“, schreit sie. „Das geht euch gar nichts an!“

Die Tür fliegt zu. Sie redet nicht mehr mit uns. Eigentlich wollten wir uns ein paar Stunden gönnen, um schwimmen zu gehen, aber unter diesen Bedingungen geben wir unser Vorhaben auf und fahren nur eine Stunde lang mit dem Fahrrad herum.

Als wir wiederkommen, ist Jeannett wie ausgewechselt, lieb und anschmiegsam. Wir verstehen die Welt nicht mehr.

Hilfeplangespräche sind für Pflegekinder immer Stresssituationen. Sie sitzen lauter Erwachsenen gegenüber, die über ihre Zukunft reden und letztendlich entscheiden. Dazu kommt, dass die leiblichen Eltern anwesend sind, was sie in einen ungeheuren Loyalitätskonflikt bringt. Sie fühlen sich genötigt, für die Pflegefamilie oder die leiblichen Eltern Partei zu ergreifen.Dabei wissen sie ganz genau, dass ihre Herkunftsfamilie nicht in der Lage ist, sie zu versorgen und zu erziehen. Darüber hinaus haben traumatisierte Kinder noch immer die Vergangenheit im Kopf. Sie wissen natürlich, was sie an ihren Pflegeeltern haben.

Für traumatisierte Kinder kann eine solche Begegnung eine hochgradige Retraumatisierung bedeuten. Dennoch schlagen sie sich häufig auf die Seite der leiblichen Eltern, die in ihren Augen hilflos und wehrlos sind. Es nimmt deshalb nicht Wunder, dass sie dissoziieren und in ihren emotionalen Persönlichkeitsanteil zurückfallen, wobei sie ihre frühkindlichen Erfahrungen auf die Pflegeeltern übertragen. Sind sie wieder in einem ihrer alltagsnahen Persönlichkeits-anteile angekommen, schlägt ihr Verhalten ins genaue Gegenteil um, ohne dass es ihnen bewusst ist.

Es gibt deshalb für Pflegeeltern nur den einen Rat: Wutausbrüche nicht persönlich nehmen und auf sich selbst beziehen! Es ist nicht einfach, aber bedenkt, was diese Kinder bereits an Erfahrungen hinter sich haben!

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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3 Antworten zu Die Schatten des Hilfeplangesprächs

  1. Land Ei schreibt:

    Bei uns waren zum Glück nicht immer die LE anwesend, das hätte ich auch ganz schrecklich gefunden. Die LE von Kathi waren desinteressiert, alkoholisiert, von Omma ferngesteuert und aus einem oder allen drei Gründen in der Regel nicht anwesend.
    Die LE von Mini gemeinsam bei einem Hilfeplangespräch MIT Mini dazwischen wäre völlig undenkbar, das hätte jeden Rahmen gesprengt und wäre einer kriegerischen Handlung gleichgekommen, was deutlich gegen die Menschenrechte verstößt…. *schief grins*. Einzeln ging noch immer gerade so, wobei auch das bisweilen nach ca. 2 Stunden sinnlosen Herumdiskutierens zu Erschöpfungszuständen bei allen Beteiligten führte.
    Habe ich schon erwähnt, dass ich mich auf HPG nicht besonders freue?

    • Sir Ralph schreibt:

      Oh ja, LandEi!Wir haben uns jahrelang erfolgreich gewehrt, aber wenn Jeannett es selber will… Man könnte ja was verpassen! Egal, wie schlecht es einem geht! Und schließlich haben wir ja den Kram auszubaden. Dennoch haben wienervtr fast immer viel Spaß beim HPG gehabt; Jugendamtssachbearbeiter genervt und für leibliche Eltern erzieherisch tätig gewesen 😉

      Alles Gute!

      • Land Ei schreibt:

        Ja guuut…. wenn man’s SO sieht… *grins*
        Dann hat’s ja so seinen Sinn, das HPG.
        Nehmen wir’s sportlich. Wie (fast) immer.

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