„Ick will nich“

Pflegeeltern müssen damit leben, dass ihre Pflegekinder mit ihren leiblichen Eltern Kontakt haben. Das braucht nich unbedingt ein Problem darzustellen. Kritisch wird es erst, wenn die Herkunftsfamilie Forderungen anmeldet. Im Zeitalter der mobilen Kommunikation ist es auch nicht zu verhindern, dass die leiblichen Eltern ihre Kinder „ferngesteuert“ beeinflussen, mitunter auch gegen die Pflegefamilie.

Als ich heute vom Einkaufen zurückkehre, finde ich Jeannett in einem verwirrten Zustand. Der Kindesvater hat angerufen.

„Ich glaube nicht, dass mein Vater etwas mit euch zu tun haben will“, sagt sie leise. „Er hat da sowas gesagt. Und das mit den ständigen Hilfeplangesprächen will er auch nicht.“

Na, das kann ja heiter werden.

Es dauert nicht lange und der Kindesvater ist am Telefon.

„Ick wollte bloß sagen dit ick am Mittwoch nich zum Jugendamt kommen kann. Ick hab keen Geld. Und richtig bringen tut dit ja ooch nischt.“

„Herr Sodann, wir haben aber noch viel zu besprechen. Es wäre wichtig, dass wir das hin bekommen“, ermahne ich ihn.

„Wat nich jeht dit jeht nich“, bügelt er mich ab. „Aber ick möchte dit meene Tochter mich öfter besuchen kommt. Ick habe een Recht daruff, se öfter zu sehn und mit ihr zu telefoniern.“

„Das wollten wir ja gerade besprechen, auch, wie künftige Besuche aussehen sollen“, gebe ich zu bedenken.

„Wat sollen wa da besprechen“, weigert er sich. „Is doch janz klar: Ick darf mit meener Tochter telefoniern und se kommt mich besuchen. Also tschüss“

Elternarbeit, Kooperation, Lösung von Problemen auf der Erwachsenenebene. Alles Unsinn.

Schon stelle ich mir vor, wie es kommt. Er besteht auf seinem Besuchsrecht. Herkommen wird er wohl nicht. Sollen wir Jeannett in einer unsicheren Situation ihrem Schicksal überlassen? Was sagt das Jugendamt dazu?

Als ich Frau Gerster anrufe, ist sie entsetzt. Wir legen einen neuen Termin für ein Hilfeplangespräch fest: Anfang des neuen Monats, wenn der Kindesvater sich nicht hinter seiner Geldknappheit verstecken kann. Für Besuche in Berlin vereinbaren wir, dass der erste auf neutralem Boden stattfinden wird, so etwas wie Grillen oder ein Besuch in einem der vielen Berliner Parks. Erst der zweite Besuch wird unbegleitet stattfinden, nachdem wir wissen, wie Jeannett den ersten verarbeitet hat.

Es sieht aber eher so aus, als ob sich die Situation zuspitzt. Herr Sodann hat seine Hausaufgeben offensichtlich gemacht und sich erkundigt. Dabei geht es ihm scheinbar nur um sich selbst und seine Rechte. Er tut so, als ob Jeannett sein Eigentum ist. Dabei kommen wir als Pflegeeltern in seinen Absichten nicht vor. Ob er seinem Kind damit nützt oder schadet, ist ihm völlig egal. Hauptsache er bekommt sein Recht. Wie soll man mit so jemandem zusammen arbeiten?

Mir schwant, dass dies nur der Anfang einer kritischen Entwicklung ist, und ich sollte Recht behalten. Noch immer betrachtet der Kindesvater uns als seine natürlichen Feinde und Gegenspieler, die ihm seine Kinder „wegnehmen“ wollen. Ob er je begreift, dass sie ihm nie gehört haben? Die Chancen stehen schlecht.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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