Konfirmation mit Hürden

Ein großes Fest steht an: Die Konfirmation. Zwei Jahre lang ist Jeannett zum Konfirmationsunterricht gegangen, der heute weniger Unterricht ist als Happening, mit Fahrten, Festen und vielen gemeinschaftlichen Aktivitäten. Und das ist auch gut so, um den Kindern zu vermitteln, dass Kirche mehr ist, als der sonntägliche Gottesdienst, Weihnachten und Ostern. Schon die Urchristen haben ordentlich gefeiert und auch das Abendmahl war einst das Brechen des Brotes am Passahfest und das gemeinsame Genießen von Wein.

So nimmt es denn nicht Wunder, dass eine Auseinandersetzung mit fundamentalistischen Christen aus der Gemeinde als Schatten über der Feier und deren Vorbereitung lag.

In der Woche zuvor ruft mich ein Elternpaar, ebenfalls eines Pflegekindes an. Es geht um die Gestaltung der Fürbitte.

„Wir können nicht akzeptieren, dass sich die Fürbitte nicht am Vater Unser orientiert“, ist ihre klare Ansage. „Es sollte doch etwas Pietät gewahrt werden.“

„Das mag ja sein, dass Sie das so empfinden“, gebe ich zurück. „Aber verständliche Worte und die Bitte um eine positive Zukunft, Frieden und die Bewahrung des Lebensraumes für unsere Kinder sind ja nun wirklich nichts Unchristliches.“

„Wir werden uns an einer Elternfürbitte in diesem Rahmen nicht beteiligen!“ Diese Aussage soll wohl die Gestalt einer Drohung vermitteln. „Wir wollen keine politischen Inhalte in einer Fürbitte, sondern ein klares Bekenntnis zu Glauben. Das erwarten wir von den Kindern, und wir erwarten es auch von den Eltern.“

Tagelang werden E-mails versandt, neue Kompromisse gesucht, neue Versionen erstellt. Vergebens. Die Superchristen wollen sich nicht einigen. Schließlich schaltet sich der Pfarrer ein. Es kommt zu einer „Aussprache“ im Gemeindebüro.

„Als Christen wollen wir doch die Gemeinschaft pflegen und bewahren“, wendet sich der Pfarrer an mich. „Können wir nicht einen Kompromiss finden?“

„Von mir aus gerne“, konsidiere ich. „Aber ein Kompromiss erfordert immer auch das Einlenken beider Seiten und eine Einigung.“

„Ich bin jetzt schon seit über fünf Jahren Gemeindeältester im Gemeindekirchenrat“, ereifert sich der Besserwisser unter hefigem, zustimmenden Nicken seiner Frau, „aber so etwas ist mir noch nicht vorgekommen.“

„Es geht doch nur um Worte“, versucht uns der Geistliche zu beschwören.

„Nein, nein“, widerspreche ich, „Es geht hier um Inhalte und das Verständnis von Gemeinde und Christentum. Ich möchte, dass sich auch meine Vorstellung davon in der Fürbitte widerspiegelt.“

„Woher nehmen Sie denn Ihre Vorstellung davon?“, greift mich der andere an. Warum müssen wir uns nach Ihnen richten?“

„Für mich ist die Sache klar“, werde ich nun auch ungehalten, „Sie haben keine Absicht zu einer Einigung.“

Die christlichen Bekenner wenden sich an den Pfarrer. „Für uns ist eine Teilnahme an der Elternfürbitte unter diesen Umständen ausgeschlossen. Sie müssen ohne uns auskommen.“

Eine gewisse Erleichterung stellt sich bei mir ein. Tags darauf versammle ich einige Konfirmandeneltern bei uns um den Wohnzimmertisch und nach wenig mehr als zwei Stunden steht die Fürbitte.

Der Tag der Konfirmation selbst ist ein strahlend schöner Frühlingstag. Zuerst bringe ich Jeannett zur Kirche, dann hole ich Oma und den Rest der Familie ab. Der Pfarrer ließ verbreiten, es gibt für die Familien der Konfirmanden keine reservierten Plätze, wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Unter Schwierigkeiten haben wir erreicht, dass für unsere Oma ein Platz ganz vorne freigehalten wir, damit sie nicht so lange wartend in der Kirche sitzen muss. Doch als wir ankommen, finden wir nur zu einem Drittel gefüllte Bänke vor und Menschen, die die leeren Plätze nach Manier eines Kampfhundes verteidigen:

„Diese Plätze sind reserviert! Sie müssen sich woanders etwas suchen!“ Nicht einmal der Anblick unserer über achtzigjährigen gebrechlichen Oma erweicht ihr Herz. Schließlich gelingt es uns doch, einen Rollstuhl zu organisieren.

Und dann schreiten sie herein. Jeannett in ihrem Konfirmationskleidchen, inmitten der anderen – ein Stückchen „Normalität“ in unserem Pflegeleben. Wir sind einfach nur stolz.

Susann ist gerührt. Sie muss mit dem Spätzug wieder in ihre Einrichtung zurück. Als wir auf den Zug warten, kommen wir ins Erzählen.

„Weißt du eigentlich, dass ich die Klassenfahrt nächste Woche selbst bezahlen muss? Weil es die zweite in diesem Jahr ist. Es sind zweihundert Euro, und ich muss sie mit fünf Euro im Monat zurück bezahlen.“

Ich kann es nicht glauben. Eltern leiblicher Kinder und auch wir als Pflegeeltern tun alles, was für die Kinder notwendig ist, damit sie nicht aus der Klassengemeinschaft heraus fallen. Die jenigen, die sowieso schon vom Schicksal geschlagen sind, dürfen selbst bezahlen.

Aber ich habe eine Idee. Ich rufe den Kindesvater an und schildere ihm die Situation. Ich beschwöre ihn, zum Sozialamt zu gehen und Hilfe zu beantragen. Was er auch wirklich tut. Und das Geld fließt. Eine weitere Last ist von Susann genommen. Eigentlich wäre es nicht meine Aufgabe gewesen. Aber ich habe es für Susann getan. Peinlich und beschämend für die Einrichtung und das Jugendamt. Sie hätten genau dasselbe tun können, wie ich.

Kurz bevor der Zug einläuft, überrascht mich Susann mit einer unerwarteten Frage.

„Wie soll ich euch denn in Zukunft eigentlich nennen? Nico und Ruth oder Mama und Papa?“

„Susann, das kannst du halten, wie du es willst. Wir stehen zu dir, egal was kommt. Das tun nur Eltern. Wie möchtest du es denn?“

„Ach, dann sage ich einfach Mama und Papa.“

Der Zug hält mit kreischenden Bremsen. Wir verabschieden uns herzlich und sie steigt ein. Trotz aller Umgangskontakte mit ihrer Herkunftsfamilie, sie akzeptiert uns als Mama und Papa. Zwei Worte, die ein ganz tiefes Gefühl ausdrücken, das ihr ihre Herkunftsfamilie offensichtlich nicht zu geben in der Lage ist.

Es war ein schöner Tag. Einer von den wenigen, an dem die ganze Familie beisammen ist und von denen man sich erhofft, dass sie der Beginn von etwas Neuem sein könnten.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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