Schlaflabor

Manchmal müssen sich Pflegeeltern von ihren Pflegekindern auf Zeit trennen. Zum Beispiel für die Dauer einer Klassenfahrt oder eine Kinderferienfreizeit. Auch wenn es für die Pflegeeltern eine willkommene Auszeit vom hektischen Pflegealltag bedeutet, so sind sie doch immer mit ihren Gedanken bei ihnen.

Dieses Mal ist es anders. Jeannett hat den lange erwarteten Termin im Schlaflabor vor sich. Ich fahre mit ihr ins Kinderkrankenhaus, wo sie sehr freundlich aufgenommen wird. Und dennoch sind die Umstände nicht angenehm. Sie wird für zwei Nächte an eine Unmenge von Drähten und Schläuchen angeschlossen und darf nur auf dem Rücken liegen. Die Drähte überwachen Puls und Herzfunktion, unter ihrer Nase klebt ein Atemsensor. An der Wand hängt eine Kamera, die all ihre Bewegungen aufzeichnet.

„Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich nie im Leben zugestimmt“, flüstert sie mir ins Ohr. Zu spät… „Es ist ja bald vorbei“, tröste ich sie. „Ich hole dich übermorgen wieder ab. Ganz bestimmt.“

Nach zwei Tagen sitzen wir im Zimmer des Arztes. Jeannett hat schon früh alle Dinge zusammen gepackt.

„Jeannett erwacht nachts häufig“, erklärt der Arzt uns. „Körperlich kann es an Polypen im Rachenraum liegen, die die Atmung behindern. Aber sonst haben wir keine körperlichen Gründe dafür finden können. Die anderen Gründe sind psychischer Natur und eine mangelnde Schlafhygiene.“

Er wendet sich an Jeannett.

„In Zukunft müsstest du dich eine Stunde früher auf das Schlafen vorbereiten“, erklärt er ihr. „Dann hast du eine Stunde, in der du dir Gedanken machen kannst. So kommst du nicht mehr ins Grübeln, wenn es zu spät ist. Und Fernsehen vor dem Schlafengehen ist überhaupt nicht gut.“

Und zu mir gewandt: „Die psychischen Probleme sind nur durch einen guten Therapeuten, eventuell auch durch einen Klinikaufenthalt in den Griff zu bekommen.“

Der Mann hat Nerven. Er kennt die Gedanken und Probleme nicht, mit denen sich ein traumatisiertes Pflegekind herumschlagen muss. Da reicht wohl eine Stunde pro Tag nicht aus und sie tauchen systematisch in ihren Träumen wieder auf. Kleinere Pflegekinder bekommen nachts Schreiattacken, wenn sie, von Alpträumen geplagt, erwachen. Er hat auch keine Ahnung davon, wie schwierig es ist, einen guten Traumatologen zu finden, der noch Kapazitäten frei hat, selbst in großen Städten und unter Einsatz aller verfügbaren Beziehungen. Es bräuchte dazu auch Jeannetts grundsätzlicher Zustimmung zu einer Therapie.

Und dennoch werden wir versuchen, uns an die Ratschläge zu halten. Der HNO-Arzt hat schon abgewinkt: Bei einem Kind dieses Alters sind Polypen im Hals-Rachen-Bereich nicht mehr anzutreffen. Also bleiben nur noch die seelischen Gründe. So wie wir es vermutet und erwartet hatten.

Wie sehr würden wir uns wünschen, dass es unserem Kind bald wieder besser geht. Aber die Probleme sind riesig.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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2 Antworten zu Schlaflabor

  1. Land Ei schreibt:

    Oh wie cool! Das ist DIE Lösung! Wir legen einfach im Terminplan eine Stunde „Gedankenmachen“ fest und während der restlichen 23 Stunden können wir tun und lassen, was wir wollen (na gut… außer zur Schule gehen und Putzen und sowas, das können wir nicht lassen wenn wir wollen…): Schlafen, Essen, Lesen, Abhängen, Chillen, Singen, aufs Klo gehen, Baden, Freunde treffen, Gärtnern, Spielen…
    Dass ich da aber auch nicht eher drauf gekommen bin, ts!

    Völlig gelöste Grüße vom
    LandEi mit Gedanken-Terminplaner

    • Sir Ralph schreibt:

      Danke, LandEi, für deine praktische Erläuterung! 😉 So stellt sich halt ein Professor das Leben vor!
      Sir Ralph

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