„Das ist ungerecht!“

Pflegeeltern sollten ihre Pflegekinder nicht nur füttern und kleiden. Sie sollten auch erziehen und kontrollieren. Besonders trifft das für ihre schulische Entwicklung zu. Sie bestimmt entscheidend über ihre Zukunft. Sie sollten entsprechend ihrer Fähigkeiten gefördert werden und den best möglichen beruflichen Start in ihre Zukunft bekommen.

Heute gehe ich zum Elternsprechtag in Jeannetts Schule. Zuerst spreche ich mit der Klassenlehrerin. Sie eröffnet mir, dass Töchterchen einen Nachschreibetermin für die Mathe-Arbeit unentschuldigt nicht wahrgenommen hat. Note: Ungenügend, sechs.

„Kurz bevor ich gegangen bin“, erkläre ich der Lehrerin, „hat Jeannett mir noch gesagt, dass sie versucht hat, Sie anzusprechen. Sie hätte versucht, Ihnen zu erklären, dass sie nicht mitschreiben könnte, weil sie Konfirmandenunterricht hätte, aber Sie hätten sie nicht zur Kenntnis genommen.“

„Na, so geht das natürlich nicht“, lächelt mich die junge Dame an. „Wenn es Gründe gibt und Sie sagen mir bescheid, dann könnten wir natürlich was daran machen. Aber so? Sie kann das doch nicht einfach selbst entscheiden.“

Darauf kann ich natürlich nichts erwidern. Und ich bin mir nicht sicher, ob Jeannett nur eine kluge Ausrede benutzt hat, um die Arbeit nicht nachscheiben zu müssen. Aber so sind sie, die pseudoautonomen Pflegekinder: Den Erwachsenen immer einen Schritt voraus.

Beim Physiklehrer versuche ich, Bewertungskriterien zu ergründen und Möglichleiten, dass Jeannett sich verbessern kann.

„Jeder kann sich bei mir verbessern“, sichert mir der solargebräunte, durchtrainierte Naturwissenschaftler mit Hauptfach Sport zu. „Ich verteile regelmäßig Referate, die bewertet werden und lasse regelmäßig Lernzielkontrollen schreiben.“

„Wie sind denn die Möglichkeiten, im Unterricht für mündliche Mitarbeit positiv bewertet zu werden?“, versuche ich zu ergründen.

„Ja wissen Sie“, antwortet er verlegen, es gibt eben nicht in jedem Unterricht die Möglichkeit der mündlichen Mitarbeit.“

Aha, denke ich. Hauptsache Ruhe im Schiff, die Rabauken im Zaum halten, durchstrukturierten Untericht halten, in Frontalform natürlich, wie fast überall in dieser Schule. Bei dieser als „schwierig“ bekannten Klasse auch kein Wunder, dass sich die Lehrer durch den Unterricht retten wollen. Aber warum tut das Ministerium so, als ob an allen Schulen nur kreativer Projektunterricht stattfindet, unter der individuellen Wertschätzung aller Schüler?

Nachmittags, als Jeannett von der Schule wieder zu Hause eintrifft, spreche ich sie auf die Schule an.

„Jeannett, du weißt, dass du für die versäumte Mathearbeit eine sechs kassiert hast“, frage ich sie.

„Das ist doch ungerecht“, brüllt sie. „Ich habe dir doch gesagt, dass sie mir nicht zugehört hat! Die alte Zicke, sie kann mich einfach nicht leiden!“

„Jeannett, das sind die Regeln nun mal an der Schule“, erkläre ich ihr. „Ob du sie nun ungerecht findest oder nicht, danach wird beurteilt. Du hast sie nicht eingehalten.“

„Was hast du noch rausbekommen“, mault sie mich an.

„Ich war bei deinem Physiklehrer. Wenn du deine Vier halten willst, musst du dich für Vorträge melden und die Lernzielkontrollen gut bestehen.“

„Jaaa?“, brüllt sie wieder. „Dieser Typ nimmt sowieso immer dieselben dran! Und wenn man einen Vortrag hält, dann ist es immer laut und die Jungs mobben einen. Ich mach mich doch nicht zum Kasper! Und die Arbeiten sind viel zu schwer! Aber es ist sowieso alles zum Kotzen da! Ich will in die Privatschule in Burghausen!“

Sie verschwindet, die Tür zu ihrem Zimmer knallt. Es ist nicht zu überhören, dass sie mit Susann telefoniert. Nach zehn Minuten, Ruth ist bereits von der Arbeit eingrtroffen, gibt sie sich erneut die Ehre. Sie hat diese Zornesfalte zwischen den Augen.

„Ich fahre morgen zu Susann.“

Ruth und ich blicken uns an. Es dauert einige Sekunden, ehe ich mich gefasst habe.

„Keine Chance, Jeannett. Nicht so lange die Schule nicht in Ordnung ist, nicht vor der Konfirmation. Deine Facharbeit musst du auch noch schreiben.“

„Eeeyyy?“ Ihre Stimme überschlägt sich.“ „Ihr könnt mir nicht verbieten, meine Schwester zu sehen!“

Türknallen.

Ruths und meine Blicke treffen sich.

„Komm, lass uns raus hier“, schlage ich vor. „Lass uns beim Eiscafé ein Eis essen. Ich halt´s hier nicht mehr aus.“

Als wir wieder von unserer „kleinen Flucht“ wiederkehren, ist Jeannett völlig entspannt. Kein Wort mehr von ihrem Besuch bei Susann. Wir vereinbaren, dass wir um halb fünf morgens aufstehen und ich sie zur Schule bringe. Keine Widerrede, alles akzeptiert.

Die Konsequenzen, die wir aus diesem Tag ziehen, sind:

  • Ich bringe Jeannett weiterhin zu Schule und achte darauf, dass sie dort bleibt.
  • Wir richten ein Mitteilungsheft ein, damit die Lehrer bei Problemen mit uns Kontakt aufnehmen können.
  • Wir forcieren die Schlaflaboruntersuchung.
  • Wir werden regelmäßige Kontakte zum Kindesvater pflegen und ihn in die Pflicht für seine Tochter nehmen.
  • Wir fordern immer wieder Hilfeplangespräche ein, in denen wir Jeannetts Entwicklung positiv begleiten und uns danach richten, was ihr gut tut.
  • Wir werden versuchen, für sie eine geeignete Klinik zu finden, die ihr hilft, ihre Vergangenheit aufzuarbeiten und mit ihr zu leben.

Es muss für Jeannett kein Zuckerschlecken sein. Sie hat die feste Absicht, herauszubekommen, woher sie stammt. Die Beziehung zu ihrer Herkunftsfamilie wird immer wichtiger, aber auch komplizierter. Besonders die Frage, wer soll zur Taufe und wer zur Konfirmation kommen. Wie soll ihr künftiges Leben aussehen. Und dann immer dieser Druck, alles im Griff behalten zu müssen. Da spielt die Schule für sie sicherlich eine untergeordnete Rolle, ein Ort, an dem man Freundinnen trifft.

Wir möchten nicht in ihrer Haut stecken. Sicher hat sie viel auszuhalten, vielleicht mehr, als sie verträgt. Wir versuchen, ihr dabei zu helfen, so gut es eben geht.

Advertisements

Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
Dieser Beitrag wurde unter Böser Einfluss und die Folgen abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu „Das ist ungerecht!“

  1. Land Ei schreibt:

    „Aber warum tut das Ministerium so, als ob an allen Schulen nur kreativer Projektunterricht stattfindet, unter der individuellen Wertschätzung aller Schüler?“
    Weil es a) keine Ahnung vom wirklichen Leben in einer Schule hat und b) eine rosa Welt viel hübscher ist.

    Ein traumatisiertes Pflegekind ins Leben zu begleiten ist wahrlich kein Zuckerschlecken.
    „Pseudoautonom“ drückt einen Aspekt des ganzen Dilemmas gut aus: ganz oft denken diese Kinder, sie MÜSSTEN Entscheidungen selber fällen, weil die Erwachsenen eh nichts blicken und nicht wissen, was gut und richtig für das Kind ist. Und tun es dann auch. Dummerweise sind diese Entscheidungen dann eher selten gesellschafts- oder regelkonform…

    Deja-vu, würd ich mal sagen.

    Guten-Morgen-Grüße vom
    LandEi

    • Sir Ralph schreibt:

      Wie Recht du hast, in beiden Fällen. Wenn die Kinder dann noch zwischen zwei Familien aufgerieben werden, wird´s ganz schlimm, dann felt ihnen am Ende jede Orientierung.

      Alles Gute!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s