Alles ganz normal

Pflegeeltern machen sich, wie alle guten Eltern, immer Sorgen um ihre Pflegekinder, wenn sie krank sind. Sie suchen Ärzte auf und versuchen alles, damit ihre Schützlinge wieder gesund werden. Niemand würde bei leiblichen Kindern auf die Idee kommen, zu behaupten, das Kind sei gar nicht krank.

Bei Pflegekindern scheint der Fall anders zu liegen. Jedenfalls was unsere Therapeutinnen betrifft.

„Jeannett ist gar nicht wirklich krank“ kommentiert Frau Bertolli unsere Absicht, eine Schlaflaboruntersuchung durchführen zu lassen. „Sie probiert nur aus, wie weit sie gehen kann. Eventuell ist sie verliebt und kann deswegen nicht schlafen.“

„Jeannett zeigt doch für eine Vierzehnjährige ein ganz normales Verhalten“, stößt Frau Kaiser ins selbe Horn. „Sie hat keine Probleme! Hören Sie endlich auf, ihr ständig Probleme anzuheften und ihre Entwicklung zu behindern!“

„Wenn Jeannett Hilfe braucht, sucht sie sich schon ihre Helfer und Vertrauenspersonen“, legt Frau Bertolli noch einmal nach. „Sie ist doch autonom! Lassen Sie sie doch mal eine Nacht allein in ihrem Haus übernachten!“

„Es gibt Menschen, die ihr Trauma nie aufarbeiten“, sekundiert Frau Kaiser. „Denken Sie nur an die Kriegsgenerationen! Vielleicht entschließt sich Jeannett später dazu.“

Entsetzen steigt in mir hoch. Welche abstrusen Argumente lassen sich diese Systemcoaches eigentlich alle einfallen, nur, um nicht von ihrer Ideologie abrücken zu müssen und die vergangenen Erfahrungen ihrer „Klienten“ nicht einbeziehen zu müssen! Schlaflosigkeit und Alpträume halten sie für normal. Wir sollen sie mit ihren Problemen allein lassen und sie schrecken nicht davor zurück, uns dazu aufzufordern, unsere Aufsichtspflicht zu vernachlässigen. Für uns ist schon hier die Grenze des Tolerierbaren erreicht.

„Es gibt da noch etwas“, holt Frau Bertolli zum letzten Schlag aus. „Sie müssen unbedingt Ordnung in Jeannetts Zimmer durchsetzen. Sie spiegelt nur, was sie sieht.“

Aha. Jetzt sind wir noch Schuld daran, dass Jeannett nicht in der Lage ist, aufzuräumen, weil unser Wohnbereich nach Einschätzung der Therapeutinnen nicht ordentlich genug ist. Damit ist für Ruth und mich das Maß an Ertragbarem erreicht. Aber wir wollen fair sein und Jeannett mit einbeziehen. Nach dem Abendessen halten wir Familienrat.

„Jeannett, was hälst du denn von der Therapie?“, beginne ich. „Möchtest du sie weiter führen? Bringt sie dir was?

„Ich will die nicht“, antwortet sie laut un deutlich. „Ich kann die beiden Schnepfen sowieso nicht leiden. Habt ihr noch nicht gemerkt, dass ich denen nur Theater vorspiele?“

„Na und ob!“, bekräftigt Ruth.

„Aber wie machen wir dann weiter? Wie wird dir geholfen?“

„Ich brauche keine Hilfe von Fremden mehr!“, reagiert Jeannett aggressiv. Wir beobachten, dass sie aggressiv und traurig wird, wenn sie auf ihre Probleme angesprochen wird.

Also beschließen wir, keine Therapien mehr zu initialisieren. Der Schlüssel für ihr Wohlergehen liegt jetzt nur in der Entwicklung der Beziehungen zu ihrer leiblichen Familie. Dabei müssen und werden wir sie begleiten und beschützen. Deshalb stimmen wir auch zu, dass sie allein und für vier Tage über Himmelfahrt zu Susann fährt.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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3 Antworten zu Alles ganz normal

  1. Land Ei schreibt:

    Ja nee… klar… wieso sollte ausgerechnet Jeannett Probleme haben? Woher denn? Also echt mal… habt ihr denn wirklich gar keine anderen Hobbies als euch so Probleme auszudenken??? *sarkasmusmodus aus*

    Die Auseinandersetzung mit der Herkunftsfamilie hat viele Facetten. Sie ist sinnvoll und wichtig für unsere Pflegekinder. Und sie ist anstrengend – zumindest phasenweise.Sie ist oft schmerzhaft für unsere Kinder. Ich wünsche euch viel Weisheit, dieses Prozess angemessen zu begleiten!

    Verstehende Grüße vom
    LandEi

    • Sir Ralph schreibt:

      Liebes LandEi,
      wenn du dabei bleibst, wirst du erfahren: Es kommt noch alles viel dicker! Uns steht eine Tortur von anderthalb Jahren bevor. Leider leiden die Kinder dabei am meisten.

      Alles Gute und viel Kraft!

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