Nicht zur Schule

Dass Pflegekinder manchmal so viel mit sich selbst zu tun haben, ist Pflegeeltern wohl bekannt. Manchmal packen sie es nicht, ihre eigenen Probleme hintenan zu stellen und sich zusammenzureißen. Wer hätte kein Verständnis dafür?

Heute jedoch machen wir eine völlig neue Erfahrung. Die Klassenlehrerin ruft an und teilt uns mit, dass Jeannett seit zwei Wochen nicht mehr in der Schule war. Ich kann es nicht glauben. Sie ist losgefahren und wieder nach Hause. Ich frage mich, was da vorgeht. Also rufe ich Eltern befreundeter Klassenkameraden an und erkundige mich. Überall die selbe Auskunft: Jeannett ist seit Wochen nicht mehr in der Schule gesichtet worden, dafür aber mit anderen Jugendlichen im Nachbarort.

„Wie war´s in der Schule?“ frage ich sie, als sie nach Hause kommt, wohl wissend, dass sie dort nie angekommen ist.

„Wie immer“, antwortet sie einsilbig.

„Hattet ihr wieder so viel Vertretungsunterricht“

„Nö, waren alle da.“

Ich verziehe das Gesicht.

Jeannett spürt, dass etwas nicht stimmt.

„Ok, ich war nicht da.“

„Und gestern auch nicht. Und vorgestern auch nicht. Und vor-vorgestern auch nicht. Und für zwei Wochen nicht.“

Wie immer in solchen Situationen stemmt sie ihre Fäuste ins Gesicht.

„Ihr wisst sowieso nicht alles. Und ich werde es euch nicht erzählen.“

Da haben wir jetzt ein richtiges Problem: Eine Schulverweigerin. Wie soll das nur weiter gehen? Die Therapeutinnen sehen das ganz gelassen. „Sowas hat doch jeder mal gemacht. Machen sie sich keine Gedanken. Das gibt sich wieder.“

Schließlich entscheide ich, dass ich morgens eine halbe Stunde früher aufstehen werde. Ich wecke sie rechtzeitig, wir frühstücken gemeinsam und ich fahre auf dem Weg zum Dienst an der Schule vorbei und achte darauf, dass sie die Schule betritt und sie nicht wieder verlässt. Sie muss sich wieder an einen Rhythmus gewöhnen und ich werde sie dabei unterstützen.

„Clever“, staunen die Therapeutinnen. „Das ist doch wirklich mal eine gute Idee!“ Warum sollte ich nicht darauf kommen? Was liegt denn näher?

Als Pflegeeltern muss man auch mal etwas geschehen lassen können, unterstützen und die richtigen Konsequenzen ziehen, ohne moralinsaure Reden zu halten, die bei den Kindern sowieso nicht ankommen. Es ist ganz einfach: Jugendliche haben die Pflicht, am Schulunterricht teilzunehmen. Tun sie es nicht, hat es Konsequenzen. Und es sind nicht nur die schlechten Noten. Sie müssen sich daran gewöhnen, sich an Strukturen zu halten, egal, wie sinnvoll sie sein mögen.

Es ist erst der Anfang, von dem was uns bevorsteht. Wir werden noch viel mehr zu kämpfen haben. Und es wird Situationen geben, die wir uns nie erträumt haben.

Advertisements

Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
Dieser Beitrag wurde unter Böser Einfluss und die Folgen abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Nicht zur Schule

  1. Land Ei schreibt:

    oh ja, die wird es geben…. Aber ihr werdet sie meistern.
    Mutmachgrüße vom
    LandEi

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s