Kindesvater drückt sich

Der Unterschied zwischen Pflegeeltern und leiblichen Eltern ist, dass Pflegeeltern sich nicht um die Verantwortung für ihre Pflegekinder herum drücken können und wollen. Die leiblichen Eltern glauben häufig, dass sie einen Anspruch auf ihre Kinder haben, egal was sie ihnen zugefügt haben oder noch zufügen.

Jeannett ist sauer auf ihren leiblichen Vater. Er verhält sich einfach ständig abwartend, nie ehrlich und nie unterstützend. Heute sitzen wir mit Frau Sossna, der Familienhelferin, im Wohnzimmer. Jeannett ist wütend.

„Ich will jetzt einfach wissen, was los ist, ob mein Vater zur Taufe kommt oder zur Konfirmation und ob er vorher mit mir sprechen will.“

Sie zückt ihr Handy und lässt ihren rechten Daumen über die Tastatur flitzen. Wenig später klingelt ihr Telefon. Ihr Vater hat schnell reagiert.

„Was ist, willst du zu meiner Taufe kommen oder zur Konfirmation?“, fragt sie scharf.

„Also weeßte, Jeannett“, windet er sich, „du weeßt doch dit ick keen Jeld habe, ick kann mir dit echt nich leisten. Aber ick denk an dir,

Jeannett verdreht die Augen.

„Und ick kann ooch nich zum Jugendamt kommen, ick muss die Fahrkarte ja immer vorher bezahlen.“

Das war zu erwarten. Immer schön alles abwimmeln.

„Aber wat wünschste dir denn? Am besten is, ick schick dir ’n bisschen Jeld. Ick muss jetz Schluss machen, sonst wird´s zu teuer. Tschüss.“

Jeannett schäumt vor Wut.

„Das will mein Vater sein! Er hat überhaupt kein Interesse an mir! Er kann nicht kommen, um mit mir zu sprechen, aber er kann mir Geld schicken! Das ist doch voll fies!“

Tränen rollen aus ihren Augen. Wir trösten sie. Sie kuschelt sich an uns.

Die Botschaft ist klar. Ihr Vater will sich ihr nicht öffnen. Er will sie besitzen, Einfluss ausüben, sie am liebsten zurück haben, aber er will nichts dafür tun müssen.

Wenn Jeannett sich gegenüber den Therapeutinnen über ihren Vater beschwert, dann wiegeln sie ab. „Dein Vater hat einen großen Eimer voll mit schlechten Erlebnissen und Schuld. Aber er lässt niemanden hineinblicken. Der Deckel bleibt zu und basta! Das musst du akzeptieren, er wird mit dir nie über seine und eure Vergangenheit sprechen.“

Es mag sein, dass das die Realität ist. Aber als Pflegeeltern vertreten wir die Interessen von Jeannett und nicht die ihres Vaters. Natürlich hat Jeannett ein Recht darauf, zu erfahren, was früher war und wo sie herkommt. Wir finden das Verhalten des Kindesvaters einfach feige. Er lässt seine Tochter leiden, weil er nicht die Verantwortung für seinVerhalten übernehmen will, für die Vernachlässigung und Misshandlungen, die er seinen Töchtern angetan hat.

Dennoch sehe ich, dass wir so nicht weiter kommen und Jeannett nicht helfen. Sie ist inzwischen fast vierzehn und wir wissen sehr wohl, dass sie mehr und mehr Selbständigkeit beansprucht und sich bald von uns lösen wird.

Es gibt nur eine Möglichkeit: wir müssen mit dem Kindesvater gemeinsam einen Weg finden. Ich stelle mir ein Treffen im Jugendamt vor mit Frau Gerster als neutrale Person, dem Kindesvater, Jeannett und uns beiden. Ich will eine entspannte Situation, in der wir eine Lösung finden die sowohl Jeannett als auch ihr Vater akzeptieren kann.

Ich bin bereit, auf Augenhöhe zu reden und einen Plan zu entwickeln, der alle Interessen berücksichtigt. Dazu will ich den Kindesvater mit ins Boot und damit in die Pflicht nehmen.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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6 Antworten zu Kindesvater drückt sich

  1. Corinna schreibt:

    Oh, Mann! Schwierig… Ich habe auch eine Pflegeschwester. Sie lebte 10 Jahre bei uns und kommt noch regelmäßig zu Besuch.

    Wir waren froh, als sie von sich aus keinen Kontakt mehr zu ihrer leiblichen Mutter wollte. Diese hat damals immer nur auf Impulse zur Kontaktaufnahme durch das Jugendamt oder durch ihre eigene Mutter reagiert. Es war hart und kostete viele Tränen, aber letztlich hat diese Entscheidung sie frei gemacht.

    Trotzdem hoffe ich, dass ihr Jeannettes Vater zur Vernunft bringt!

    • Sir Ralph schreibt:

      Hallo, Corinna,
      ihr hattet Glück und die richtigen Entscheidungen getroffen. Ich weiß, dass es auch leibliche Eltern gibt, die sehr zu schätzen wissen, dass ihre Kinder in einer Pflegefamilie leben. Wir hatten nicht das Glück, dass uns Verständnis entgegengebracht wurde. Ganz schlimm wird es, wenn Pflegekinder nicht mehr wissen, wo sie hin gehören, weil ihre Eltern alles torpedieren, was die Pflegeeltern versuchen, positiv zu verändern.

      Danke, dass du die Traumakinder liest und alles Gute.

  2. Land Ei schreibt:

    Hmpf… ja, kennen wir auch. Einerseits haben die Kinder natürlich ein Recht wissen zu wollen, was los war. Woher sie kommen. Und warum sie da jetzt nicht mehr sind. Was ihre leiblichen Eltern sich dabei gedacht haben – oder auch eben nicht.
    Mini macht hier auch gerade die Erfahrung, dass ihr LV sie zwar irgendwie „beanprucht“, aber sich im Grunde nicht kümmern WILL. Das ist bitter, sie findet’s gemein, sie leidet, sie motzt, schimpft und kämpft – aber sie ist gerade dabei einzusehen, dass sie es tatsächlich nicht ändern kann, weil dieser Mann einfach nicht WILL. Das ist hart – aber wirklich nicht zu ändern. Wir können ihn nicht zwingen, Reden bringt so gar nichts… *seufz* Mini ist jetzt 15 und mitten in diesem Prozeß. Zicki hat das bereits hinter sich…. war etwas jünger damals…

    • Sir Ralph schreibt:

      Ja, Land Ei, ich frage mich, warum die leiblichen Eltern es nicht hin kriegen, ihre Kinder wenigstens auf dem Weg zum Erwachsenwerden zu unterstützen. Statt dessen stürzen sie sie in Konflikte, wie das bei uns war…

      • Land Ei schreibt:

        Das frage ich mich auch. Leider habe ich noch keine wirkliche Antwort darauf gefunden und es derweil für mich so beantwortet: Sie sind einfach nicht in der Lage, ihr eigenes Leben auf die Reihe zu kriegen. Irgendwie sind sie nicht… hm… wie soll ich das sagen… nicht „glücklich“ über den Gesamtzustand in ihrem Leben, können aus was-für-Gründen-auch-immer aber nichts ändern. (oder wollen nicht, weil anstrengend…?) Sie kreisen quasi um sich selbst und können daher so gar keine Fähigkeiten zu sowas wie Empathie ausbilden.
        Sie sind wie hemmungslose, unheilbare Pubertisten. Wie sollen sie ihre Kinder beim Erwachsenwerden unterstützen, wenn sie doch selber gar nicht wissen, was das eigentlich ist: „erwachsenes Verhalten“…. Verantwortung übernehmen…. Sorge für etwas/jemanden tragen…. hä???
        Jedenfalls die Herkunftseltern, die wir hier im Hintergrund haben. Das macht die Sache für die Kinder nicht besser, aber für mich erklärbarer. (Nicht „verstehbarer“!)
        Zicki hat das, als sie bemerkt hat wie das bei ihrer LM so läuft, sehr ähnlich formuliert: „Die ist einfach auch noch ein Kind, und das bleibt die auch. Und Kinder können nunmal nicht für Kinder sorgen. Jedenfalls nicht so richtig.“
        Mini ist wie gesagt gerade mitten im Prozess. Sie wünscht sich nichts mehr als einen sich kümmernden, sorgenden, auf sie eingehenden Vater – und begreift gleichzeitig Stück für Stück ganz fassungslos, dass ihr diese Wunsch nicht erfüllt werden wird.
        Und ich leide irgendwie gerade mal wieder mit.
        Vermutlich texte ich dich deshalb bei diesem Thema hier gerade so zu….
        LandEi

      • Sir Ralph schreibt:

        Hi, LandEi, kennst du unsere LM? Nein? Du hast sie aber genau beschrieben, wahrscheinlich, weil sie sich so ähnlich sind. Es stimmt auch, dass ihre Kinder sie besser durchschauen, als ihnen lieb ist. Deshalb wird es schwer für sie, je ein Eltern-Kind-Verhältnis aufzubauen. Um so mehr, wenn es Vernachlässigung, Gewalt und Misshandlungen gegeben hat, die noch immer ungelöst im Raum stehen…

        Deine Kommentare sind mir übrigens immer willkommen! Danke, dass du die „Traumakinder“ liest.

        Ralph

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