„Missglückter“ Schulbesuch

Es ist schon komisch, was sich Kinder ausdenken. Nicht nur Pflege-Eltern wundern sich, was ihre Pflege-Kinder sich so ausdenken und auf welche merkwürdigen Ideen sie kommen.

Jeannett geht nach längerer Zeit wieder das erste Mal zur Schule. Dort trifft sie ihre beste Freundin und Klassenkameradin. Dann drehen sie wieder um, setzen sich in den Zug und gehen zur Freundin nach Hause.

Als der Vater nach Hause kommt, verstecken sie sich in einem Schrank. Sie überlegen, mit Hilfe eines Bettlakens aus dem ersten Stockwerk zu entkommen, aber es geht schief. Der Vater entdeckt sie und schickt Jeannett nach Hause.

Als ich ihn anrufe, wirkt er abweisend und versucht, seine Tochter zu schützen.

„Jeannett verleitet meine Tochter immer zu solchen Dummheiten“, erklärt er mir. „Wenn sie zusammen arbeiten, an Referaten oder so, macht Nicole die ganze Arbeit und Jeannett profitiert nur von ihren guten Leistungen. Schon an der Grundschule hat sie immer schlecht über Nicole geredet.“

Wir einigen uns zwar darauf, dass Jeannett und Nicole in Zukunft nicht mehr zusammen arbeiten werden, aber ich weiß ganz genau, dass das nicht durchsetzbar ist und sie nicht daran zu hindern sind, sich gemeinsam für eine Aufgabe zu melden.

Nach dem Abendessen sprechen wir mit Jeannett über die Ereignisse.

„Was habt ihr euch eigentlich dabei gedacht?“, will ich wissen.

„Uns war eben so“, rechtfertigt sich Jeannett, „und eigentlich war das alles Nicoles Idee.“

„Aber ihr könnt doch nicht einfach den Unterricht schwänzen“, versuche ich zu erklären. „Wenn ihr dadurch einen Test versäumt habt, ist das eine Sechs!“

„Du kannst mich ja entschuldigen“, gibt Jeannett zurück. Ich bin entsetzt.

„Kommt gar nicht in Frage, das musst du schon selbst vertreten“, mache ich ihr klar.

„Eigentlich war das ja auch gar kein Schwänzen“, wehrt sich Jeannett, „und überhaupt, andere tun das auch!“

„Natürlich hast du geschwänzt“, widerspreche ich. „Wie soll das jetzt weiter gehen? Wann wirst du das nächste Mal die Schule schwänzen?“

„Ich mag dieses Wort nicht“, erklärt Jeannett, „aber ich werde ab jetzt regelmäßig zur Schule gehen. Ich will ja auch einen vernünftigen Abschluss und dann das Abitur machen.“

Irgendwie habe ich bei dem Ganzen das Gefühl, dass es wirklich ein Ausrutscher war. Und ich habe den Eindruck, dass Nicoles Vater siene Tochter so weit wie möglich deckt.

Pflegekinder haben eben für andere Eltern immer noch den Geruch des Heimkindes, das andere nur anstiftet, Unsinn zu machen und sonst ziemlich asozial ist, aus dem nie etwas wird. Pflegeeltern gelten nicht als „richtige“ Eltern und ihnen wird das Recht abgesprochen, ihre Kinder auch in Schutz zu nehmen. Wir sind fest entschlossen, uns das nicht gefallen zu lassen.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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4 Antworten zu „Missglückter“ Schulbesuch

  1. Land Ei schreibt:

    Als unser Zicki ihr Abschlußzeugnis mit Qualifikationsvermerk zum Besuch der S II in der Tasche hatte, war ich kurz mal versucht, Kopien anzufertigen und sie kommentarlos all denen zu schicken, die vorher im Brustton der Überzeugung und in aller ihnen zur Verfügung stehenden Selbstherrlichkeit (und das war jeweils eine Menge!) mit mitleidigen Blicken behauptet hatten, dass es dieses Kind eh zu nichts bringen wird und wir aufhören sollten, uns diesbezüglich was vorzumachen und unsere persönlichen Wünsche so hoch zu hängen.

    Mehr sag ich dazu nicht. Und Mist hat die auch genug gebaut – ohne Frage.

    • Sir Ralph schreibt:

      Wie gut kenne ich das! Aber leider kommen traumatisierten Kindern häufig ihre schlimmen frühkindlichen Erfahrungen mit der Erwachsenenwelt in die Quere. Lehrer halten das aus der Vernachlässigung und evtl. Misshandlungen resultierende Verhalten meist für Unvermögen und Aufsässigkeit. Sie sind einfach nicht für den Umgang mit solchen Kindern/Jugendlichen ausgebildet. Deshalb sind solche Kinder in unseren Schulen erheblich benachteiligt, trotz aller sog. Nachteilsausgleiche.

      Wünsch dir viel Kraft, Ralph

  2. Land Ei schreibt:

    Jaha, und deshalb bin ich auch Lernpatin an unserer Schule. 😉
    Das ist zwar ein Tropfen auf den heißen Stein, aber immerhin ein Tropfen. Besser als nichts und ein Signal.

    • Sir Ralph schreibt:

      Das finde ich ganz toll! Je mehr Eltern die Zeit und das Engagement haben, an der Schule mitzuarbeiten, desto besser!

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