Traumafolgen

Pflegeeltern machen völlig neue Erfahrungen, wenn es darum geht, die Gefühlswelt ihrer Pflegekinder nachzuvollziehen. Sie wissen in aller Regel nicht, wie sehr sie unter ihrem Trauma leiden. Es ist für Pflegeeltern und auch alle anderen Verantwortlichen so gut wie unvorstellbar.

Der Loyalitätskonflikt, unter dem Jeannett leidet, frißt sich jetzt in ihr Unterbewusstsein. Sie kann erst morgens und bei leiser Musik einschlafen. Als ich sie um halb sieben vorsichtig wecke, schreckt sie aus festem Schlaf plötzlich hoch und fällt mir in die Arme.

„Papa“, schluchtzt sie, „geht heute bitte, bitte nicht nach draußen! Ich will nicht dass euch was passiert!“ Die Tränen schießen ihr aus den Augen, sie presst ihr Gesicht gegen meine Brust.

„Ich will heute nicht zur Schule, ich hab solche Angst!“, wimmert sie.

„Was ist denn passiert“, versuche ich sie zu beruhigen, „hast du schlecht geträumt?“

„Ja“, antwortet sie unter Tränen, „ich habe geträumt, mein Vater steht vor der Tür. Als Mama aufmacht, kommt er in die Küche und zieht ein Messer. Er bringt erst Mama und dich und dann sich selbst um. Alles ist voller Blut. Ich bin ganz allein mit ihm.“ Wieder ein tiefes Schluchtzen, dass in ein leises Weinen übergeht.

Sie hält mich ganz fest. „Bitte, bitte, geht heute nicht weg!“, fleht sie.

Ich flüstere ihr ins Ohr. „Nein, meine Kleine, das war nur ein böser Traum. Sieh dich um, niemand ist hier, außer uns. Alles ist gut. Dein Vater ist nicht hier. Er wird auch nicht kommen.“

Nach ein paar Minuten löst sich Jeannett langsam, bedächtig aus meinen Armen. Sie sitzt jetzt im Schneidersitz auf ihrem Bett, das Gesicht in ihren Händen vergraben.

„Papa, ich kann nicht zur Schule gehen. Ich habe solche Angst!“

„Ist in Ordnung“, stimme ich zu. Sie legt sich ins Bett. Als ich nachmittags nach Hause komme, schläft sie tief und fest.

Nie haben wir geahnt, wie schlimm es werden kann. Es tut Jeannett nicht gut, Kontakt zu ihrer Herkunftsfamilie zu haben. Die Bilder aus der Vergangenheit, die Gewalt, die Vernachlässigung haben tiefe Spuren hinterlassen. Jetzt, wo sie nach ihrer Herkunft sucht, gerät alles durcheinander.

„Natürlich ist er Schuld“, hat sie neulich einmal voller Wut geäußert und „Er soll mir alles sagen und dann kann er gehn.“ Aber so einfach ist das nicht. Sie trägt die Schuld ihrer Familie mit sich herum. Sie steht jetzt zwischen ihrer Familie und uns als die jenigen, die, anders als ihr leiblicher Vater, alles für sie tun würden. Sie wünscht sich offensichtlich, dass ihre leibliche Familie genau so wäre, aber sie weiß, dass es nie so sein wird.

Wir als Pflegeeltern haben unsere Pflegekinder zu schützen und ihnen alle Möglichkeiten zu eröffnen, die sie brauchen, um später ein unbeschwertes Leben führen zu können. Dazu gehört, Sorgen anzuhören, ihnen bei Problemen zu helfen, sie in schwierigen Situationen in den Arm zu nehmen, sie zu beruhigen und – am Wichtigsten – Verständnis für ihre Erlebnisse in der Vergangenheit aufzubringen. Wir sind nicht neutrale Erzieher, wir sind immer und überall Interessenvertreter für unsere Kinder. Sie haben sonst niemanden.

Und wieder zeigt sich, wie wichtig es wäre, dass Jeannett ihre Vergangenheit aufarbeitet. Aber sie fürchtet sich davor. Ein „normales“ Mädchen in der Entwickung zu sein, das wünscht sie sich so. Dennoch: Sie ist es nicht und wird es nie sein.

Unsere Aufgabe ist es, ihr die bestmögliche Entwicklung unter diesen Bedingungen zu ermöglichen, die best möglichen Bedingungen zu schaffen. Dabei müssen wir die Grenzen erkennen, die uns und ihr nun mal gesetzt sind. Unsere Rolle beschränkt sich darauf, Jeannett best möglich zu unterstützen und sie in ihrem Leid ernst zu nehmen. Wenn es keinen Therapeuten sind, müssen wir seine Aufgabe übernehmen.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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