Im Fadenkreuz der Beziehungen

Pflegekinder haben mindestens zwei Elternhäuser. Sie leben im Haushalt der Pflegeeltern, aber sie kommen aus einer leiblichen Familie, die meist auch nicht mehr beisammen ist. Das bringt sie in eine schwierige Situation. Sie wissen häufig nicht richtig, wo sie eigentlich hin gehören.

Genau so geht es Jeannett. Sie steht vorbehaltslos zu uns und weiß genau, was sie bei uns hat. Aber sie will erfahren, wo sie her kommt. Deshalb versucht sie, ihren Vater unter Druck zu setzen: Entweder du sagst mir, wo ich her komme und was passiert ist, das unsere Familie zerstört hat oder ich will mit dir nichts zu tun haben. Sie hat ein Recht darauf, das weiß sie. Aber sie weiß auch, dass Susann gegenüber dem Kindesvater loyal ist, weil sie die Bindung an uns verloren hat. Und obwohl Jeannetts Mutter verschollen ist, spielt sie bei Jeannett noch eine Rolle. Sie will wissen, wie es ihrer Mutter geht und wo sie jetzt lebt.

„Es ist schlecht, wenn Sie sich fortwährend in Konkurrenz zu Jeannetts Mutter sehen“, versucht, Frau Bertolli Ruth während der Therapiesitzung (die Systemtherapeuten nennen es „Coaching“) zu belehren. Ruth schaut erstaunt. Sie hatte sich nie in Konkurrenz gesehen.

Und an Jeannett gerichtet: „Warum willst du unbedingt wissen, was damals passiert ist? Du wirst es von deiner Mutter nicht erfahren und dein Vater will nicht darüber sprechen.“

„Ich würde dir raten, deinen Vater zu ent-schuldigen“, schließt sich Frau Kaiser an.  „Weißt du, wie er sich fühlt? Vielleicht braucht er deine Hilfe und Nähe. Vielleicht tut ihm alles schon Leid.“

Jeannett macht ein mürrisches Gesicht. Ich greife ein.

„Ist das nicht ein bisschen viel verlangt, von Jeannett zu verlangen, die ganze Vergangenheit zu leugnen oder zu vergessen, die ihr noch so schwer anhaftet?“

„Aber was erreichen Sie damit, wenn Sie Jeannett daran hindern, nach vorne orientiert zu leben?“, protestiert Frau Bertolli. „Sie hat noch so viel vor!“

Ich fasse es nicht. Diese Damen verlangen ernsthaft von Jeannett, ihre Traumatisierung zu vergessen (eine Forderung, der unmöglich nachzukommen ist) und dem Menschen, der die größte Katastrophe überhaupt in ihrem Leben verursacht hat, zu vergeben! Ob sie sich vorstellen können, was eine solche Verletzung in frühester Kindheit bedeutet?

Dabei könnte man das Problem ganz anders lösen; vorausgesetzt, der Kindesvater würde sich darauf einlassen. Zunächst einmal müsste Jeannett sih darüber klar werden, was sie eigentlich fragen will, also einen Fragenkatalog erstellen beispielsweise in Zusammenarbeit mit den Therapeutinnen. Dann erst könnte sie eventuell ihren Vater verstehen und ihn ent-schuldigen. Wir würden dieses Szenario auch vorbereiten, zusammen mit dem Jugendamt, um die Standpunkte zu klären. In jedem Fall gilt, dass Jeannetts Interessen und Wohlergehen im Vordergrund steht.

Auf keinen Fall sehen wir ein, dass Nutzen bringt, alles Gewesene einfach zu leugnen und zu verdrängen. Zu viel hat Jeannett leiden müssen und sie leidet noch immer. Wir sind davon überzeugt, dass eine Besserung erst eintreten kann, wenn die Traumatisierungen, die Jeannett erlitten hat, systematisch thraumatherapeutisch aufgearbeitet werden.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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5 Antworten zu Im Fadenkreuz der Beziehungen

  1. Land Ei schreibt:

    Ja, das ist auch hier immer wieder Thema. Ent-schuldigen, finde ich, geht schon mal überhaupt nicht. Wenn jemand Schuld auf sich geladen hat – wie auch immer – dann ist das so. Das kann man nicht wegnehmen, schon gar nicht aus der Ferne des Nicht-genau-Wissens-aber-ungut-fühlens. Vergeben oder Verzeihen – das geht. Aber auch nicht einfach so, sondern nach einer Phase der Aufarbeitung und des Verstehens, was eigentlich vorgegangen ist.
    Ent-schuldigen heißt für mich – und das sagt ja dieses Wort auch sehr deutlich – „die Schuld wegnehmen“. Wie soll das gehen? Sie ist da. Sie hat etwas verursacht, mit dem ALLE Betroffenen klar kommen müssen. Mit der Schule leben – das ginge. Aber nur, wenn sie auch benannt werden darf.
    Die Damen machen es sich da m.E. ein bisschen einfach,
    denkt das
    LandEi

    • Sir Ralph schreibt:

      Hallo, Landei, du kannst dir gar nicht vorstellen, wie wir befremdet waren von dieser Art der „Therapie“. Zuerst dachten wir, das muss so sein, aber dann wurden wir immer skeptischer. Du darfst gespannt sein auf die weitere Entwicklung und den endgültigen Knall! 😉 Alles Gute und viel Kraft!

  2. Land Ei schreibt:

    ups… „mit der SCHULD“ leben, sollte das heißen. Mit der Schule leben müssen wir auch, ja…. *grins*

  3. Land Ei schreibt:

    ach ja… dich auch! Stimmt. *grins*

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