Ein gelungenes Schauspiel

Wenn es sein muss, wenn es ums Ganze geht, können traumatisierte Pflegekinder hervorragend schauspielern. Ihre Pflegeeltern erfahren das sehr früh, aber die jenigen, die das zum ersten Mal sehen, finden die Kinder süß und niedlich. In der Pubertät sehen die Schauspiele schon anders aus.

Heute suchen uns die Familientherapeutinnen auf. Wir verspäten uns etwas, aber Frau Bertolli und Frau Kaiser sitzen schon am Wohnzimmertisch. Jeannett steht vor ihnen, wie auf einer Bühne. Sie macht gepflegte Konversation. Das Kostum, das sie gewählt hat, ist auffällig: Ein kurzes Röckchen, ein weit ausgeschnittenes Top. Sie bewegt sich ihrer Rolle entsprechend wie ein pubertierendes Zicklein. Ihre Worte sind wohl gewählt und durch Mimik und Gestik sorgsam unterstützt. So haben wir sie noch nie gesehen.
 Das Thema sind die Besuchskontakte mit Susann.

„Und wie geht es dir, wenn du deine Schwester gesehen hast?“, fragt Frau Bertolli. Irgendwie habe ich den Eindruck, als ob ihre Neugier gespielt ist.

„Ja also…“, beginnt Jeannett, „ich fühle mich dann immer aufgewühlt. Ich grüble und kann nachts nicht schlafen.“

Das stimmt.

„Was würde dir denn gut tun, wenn du wieder zu Hause bist?“, erkundigt sich Frau Kaiser mit leiser Stimme.

„Ausschlafen? Fernsehen? Schokolade essen?“, zählt Jeannett mit fragendem Unterton auf, wohl erwartend, dass diese Wünsche nicht realisierbar sind.

„Was brauchst du noch, damit du dich wohlfühlst?“, fragt Frau Kaiser.

Musik und meine Kuscheldecke. Bücher wären auch gut. Und meine Barbie-Puppen muss ich mal wieder suchen. Die möchte ich mit dabei haben. Den Laptop möchte ich auch dabe haben. Und meine lieblings-Jogginghose.“

„Was würde dir denn beim einschlafen helfen?“

„Heidelbeer-Vanille.Tee und vielleicht ein Beruhigungsmittel. Ich schlafe auch immer bei Musik ein.“

„Wie viel Schokolade brauchst du denn?“, will Frau Kaiser wissen.

„Kommt drauf an für wie lange“ differenziert Jeannett.

„Na sagen wir für die nächsten zwei Wochen“, gibt Frau Kaiser vor.

„Für jeden Tag  mindestens eine“, legt Jeannett fest.

Ruth rutscht die ganze Zeit unruhig auf ihrem Stuhl herum. „Ein paar Aufgaben musst du aber schon erfüllen“, mischt sie sich jetzt ein.

„OK“, greift die Therapeutin dien Einwurf auf, „Mama macht dir morgens einen Aufgabenzettel, damit du weißt, was du zu tun hast“.

Frau Bertolli hat die ganze Zeit lang emsig mitgeschrieben. „Ich habe dir jetzt einen Notfallkoffer zusammengestellt mit Sachen, die dafür sorgen, dass es dir nach den Besuchen bei deiner Schwester oder den Telefonaten mit diener Mutter besser geht. Den kannst du dir an deine Pintafel hängen.“ Sie überreicht ihr ein Blatt Papier, auf dem steht:

Notfallkoffer für Jeannett

  • 14 Tafeln Schokolade
  • Musik
  • Fernseher
  • Kuscheldecke
  • Bücher

Vorher: Zimmer aufräumen!

  • Computer fit
  • Lieblings-Jogginghose
  • täglich ausschlafen
  • Mama schreibt morgens einen Zettel mit Aufgaben
  • Puppen: Barbies suchen!

Zum Einschlafen:

  • Pflanzliche Beruhigungsmittes
  • Heildelbeer-Vanille-Tee
  • Musik zum Einschlafen

Jeannett darf sich jetzt um ihren Notfallkoffer kümmern. Die beiden Therapeutinnen nehmen uns noch kurz beiseite:

„Jeannett ist ein ganz normales Mädchen. Sie ist wie jede Vierzehnjährige. Lassen Sie sie einfach sich entwickeln. Sie werden sehen, dann wird alles prima.“

So funktioniert also die so genannte Ressourcenorientierung. Es scheint zu bedeuten, dass Jeannett alles bekommt, was sie will. Wie soll das Ganze an Schultagen gehen? Vor allem: Ändert das wirklich ihre Situation, ihre Verletzungen, die sie mit sich herum trägt?

Ihre Vergangenheit kommt in dieser Therapie gar nicht vor, obwohl sie sie in ihrem Handeln erheblich beeinflusst. Aber das ist Teil des systemischen Ansatzes. Vergangenheit kommt bei diesem Ansatz nicht vor, er ist ganz auf die Gegenwart und die Zukunft gerichtet. Aber was nutzt einem Menschen die Zukunft, wenn er seine vergangenen Erfahrungen nicht zulässt, obwohl die in doch in vielfältiger Hinsicht beeinflussen?

Der systemische Ansatz, so weit wir ihn bis jetzt kennen gelernt haben, ist die perfekte Verdrängung der Vergangenheit, des Gewesenen, dessen, was einen Menschen letztlich ausmacht. Deshalb sind wir diesem Vorgehen gegenüber mehr als kritisch eingestellt.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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