Besuch der drei Damen

Pflegeeltern wollen ihren traumatisierten Pflegekindern so gut wie möglich helfen. Je mehr sie über Traumatisierungen und deren Folgen wissen, desto besser. Therapien sind deshalb unumgänglich, um den Kindern zu ermöglichen, späterhin ein Leben zu führen, das so „normal“ wie möglich ist.

Jeannett möchte eine Therapie, bei der wir dabei sind. Sie scheint unseren Schutz zu brauchen und auch wir finden es sinnvoll, mit Jeannett gemeinsam  die Probleme aufzuarbeiten. Deshalb ist die aufsuchende Familientherapie, die uns Frau Gerster vorgeschlagen hat, glauben wir, wie gemacht für uns.

Heute bekommen wir Besuch von drei Damen: Frau Gerster als federführende Sachbearbeiterin des Jugendamtes, Frau Bertolli und Frau Kaiser, den beiden Therapeutinnen. Frau Bertolli, wirkt jugendlich, gepflegt geschminkt und sehr extrovertiert. Frau Kaiser hingegen erscheint mir eher bodenständig, natürlich und zurückhaltend. Jeannett beobachtet sie argwöhnisch.

Nach etwas allgemeinen Kennenlerngesprächen hat Frau Bertolli bereits den vollen Durchblick und zeigt das auch.

„Jeannett, du hast deine Pflegeeltern voll im Griff, oder? Mädchen in dienem Alter sind doch normalerweise mit ihren Freundinnen unterwegs.“

Jeannetts Gesichtsausdruck verfinstert sich.

„Wovor hast du denn Angst? Glaubst du, irgend jemand würde dir deine Eltern wegnehmen?“

Und an uns gerichtet: „Sie müssen langsam lernen, loszulassen! Verwirklichen Sie doch mal eigene Ziele, anstatt sich auf Jeannett zu fixieren! Lassen Sie ihr mehr Freiheiten! Suchen Sie sich neue Ziele!“

Wir blicken uns an. Das finden wir etwas sehr direkt und schnellschüssig, bei der ersten Begegnung.

Das entspricht so gar nicht unseren Vorstellungen.

„Von uns aus gesehen hätten wir Hilfebedarf, zunächst einmal die Trennung von Susann aufzuarbeiten“, stelle ich unsere Erwartungen jetzt dar. „Wir möchten Jeannett stabilisieren, vor allem in der Beziehung zu ihrer Herkunftsfamilie. Ein praktisches Feld dafür könnte die Gestaltung des Geburtstages von Susann sein und wie wir damit umgehen. Wir würden auch gern die Konkurrenz zwischen beiden Geschwistern bearbeiten.“

Die beiden Damen sehen sich an. „Sie haben ja schon recht genaue Vorstellungen. Aber wollen Sie die Planung und Durchführung der Therapie nicht lieber uns überlassen?“

Da habe ich wohl in ein Wespennest gestochen. Es scheint nicht häufig vorzukommen, dass Patienten oder Klienten bzw. Kunden, wie die systemischen Therapeuten das nennen, klare Vorstellungen äußern und sich vorbereiten und Gedanken machen. Ich habe den Eindruck, als ob uns die beiden Therapeutinnen Probleme anheften wollen, die nicht unsere sind.

Jeannett sieht das genau so. „Ich lass mir doch nicht sagen, wie sich eine 14-Jährige zu verhalten hat! Und schon gar nicht, wie meine Beziehung mit euch auszusehen hat!“ Konkret heißt das für uns: Sie braucht Schutz, Zuneigung und Bestätigung. Wie sonst sollten wir eine Erziehung hinkriegen?

Der erste Ansatz scheint in meinen Augen missglückt. Aber ich will offen bleiben für alle Möglichkeiten; sicher kann man aus allem etwas Positives gewinnen. Es wäre sicher falsch, wenn wir uns verschließen würden.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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