Merkwürdiges Verhalten

Pflegekinder zeigen manchmal gegenüber ihren Pflegeeltern ein merkwürdiges Verhalten, das nur schwer erklärbar ist. Ob die sich immer etwas dabei denken müssen? Sicherlich gibt es immer Gründe für solches Verhalten.

Heute ist Sonntag und Jeannett kommt nicht zum Frühstück. Sie bleibt im Bett, redet nicht mit uns. Wir wissen, dass die Pubertät langsam Jeannett beeinflusst. Sie beginnt, sich selbst zu finden und macht das offenbar mit sich selbst aus. Wir kommen da nur am Rande vor.

Selbst zum Mittag verweigert Jeannett das Essen. Statt dessen nur Gebrüll. Wir vermuten, dass sie sich durch ihre Freundin Mandy beeinflussen lässt, deren hageres Erscheinungsbild an Magersucht erinnert. Um den Kontakt besser kontrollieren zu können, entfernen wir Festnetztelefon und Handy aus ihrem Zimmer. Sie darf nur noch unter unserer Aufsicht telefonieren.

Das hat Folgen. Jeannett ist plötzlich weg, aber sie ruft nach zehn Minuten an: Sie ist bei Mandy. Als sie wiederkommt, ist sie entspannt und redet mit mir und Ruth getrennt. Sie möchte mehr Freiheiten und nicht mehr als „kleines Kind“ behandelt werden. Sicher müssen wir hier auch lernen.

Die Pubertät ist allein schon eine besondere Situation. Für Kinder aber, die in frühester Kindheit ihre Familie versorgen und beschützen mussten, bedeutet es, dass sie alles alleine regeln und im Griff haben wollen und sich von niemandem etwas sagen lassen. Das führt unweigerlich zu Problemen mit den Eltern.

Außerdem steht am morgigen Tag eine besondere Situation bevor. Frau Gerster, unsere Jugendamtmitarbeiterin, will mit zwei Therapeutinnen erscheinen. Wir haben uns auf eine so genannte „aufsuchende Familientherapie“ geeinigt. Das kommt uns entgegen. Jeannetts Wunsch, mit uns zusammen eine Therapie zu machen, kann damit erfüllt werden. Wir können die kommenden Probleme besprechen und damit eine Strategie entwickeln. Mit den Begriffen „ressoucenorientiert“ und „systemisch“ können wir zu diesem Zeitpunkt noch nichts anfangen. Für Jeannett bedeutet das natürlich eine erneute Verunsicherung und Bedrohung. Sie steht dem Vorhaben mehr als kritisch gegenüber.

Dennoch stellt sich für uns die Frage, ob wir wirklich richtig reagiert haben. Für uns war unser Verhalten schlüssig. Aber war es richtig, Jeannett die Telefone zu entziehen? Unser Ziel war klar: Abwenden von Gefahren für Jeannett. Für sie war es eine Strafe für ihr Verhalten.

Was wir noch nicht ahnen, ist, dass wir im Laufe der nächsten zwei Jahre noch viel häufiger in diese Situation kommen werden. Es bricht eine schwere Zeit für uns an.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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