Supervision und die Zukunft

Wenn Pflegekinder in die Pubertät kommen, wird die Herkunft immer wichtiger. Dem sollten Pflegeeltern sich nicht verschließen. Einen Plan zu machen, ist notwendig, damit die Pflegefamilie nicht von der Entwicklung überrollt wird.

Jeannett ist jetzt vierzehn. Ihre Schwester Susann ist in einer heilpädagogischen Einrichtung und ihre Herkunftsfamilie weit weg. Aber beide sind in ihrem Leben und ihrer Entwicklung ständig präsent. Wie gehen wir damit um?

In der Supervision stellt Frau Sommer eine alles entscheidende Frage:

Wie geht Jeannett mit ihrer Familie um?

Wir machen einen Plan. Zuerst steht Susanns Geburtstag auf der Tagesordnung, dann die Kontakte zur Herkunftsfamilie. Jeannett wird im Frühjahr getauft und konfirmiert; sie hat es sich so gewünscht. Unsere gesamte Familie wird zugegen sein, aber was ist mit der Herkunftsfamilie? Bis zu diesem Zeitpunkt sollte Klarheit über das Verhältnis zwischen und ihrem Vater geschaffen sein. Jeannett hat schon geäußert, dass sie ihren Vater allein und erst einmal für einen Tag und später auch mal über einen längeren Zeitraum besuchen will. Uns stehen bei diesem Gedanken die Haare zu Berge. aber wir müssen wohl ran an das Problem.

„Aber sehen Sie sich vor“, warnt uns Frau Sommer, „ich habe den Eindruck, als ob der Kindesvater nicht ehrlich und alles andere als zuverlässig ist.“

„Das haben wir bereits bemerkt“, bestätige ich die Vermutung. „Aber wie gehen wir damit um?“

„Seien Sie einfach Sie selbst, Sie haben das Recht auf ihre Erfahrungen, Normen und Werte“, antwortet sie. „Und handeln Sie planvoll. Wichtig ist auch, dass Sie den Kindesvater so akzeptieren, wie er nun mal ist.“

Sie überlegt einen Augenblick.

„Bis zur Taufe uhnd Konfirmation kriegen Sie das nicht mehr hin. Aber wie wär´s mit einem längeren Aufenthalt in den Sommerferien? Da ist die Schule nicht betroffen und Sie haben länger Zeit, sie wieder aufzufangen, z.B. während eines Urlaubs.“

Das erscheint uns logisch. Wir werden es mit Frau Gerster vom Jugendamt im Rahmen der Hilfeplanung besprechen.

„Und“, rät uns die Supervisorin, „besprechen Sie alles mit Jeannett. sie darf nicht den Eindruck bekommen, dass etwas über ihren Kopf hinweg entschieden wird. Sie bestimmt das Tempo.“

Am nächsten Tag wollen wir Jeannett über unser Gespräch erzählen. aber sie reagiert aggressiv.

„Ich will davon nichts wissen“, brüllt sie. „Es ist meine Sache und meine Familie und ich lasse mir da nicht reinreden!“

Tags drauf ruft Susann bei uns an. Sie ist bei ihrem Vater in Berlin zu Besuch. Obwohl ich diesen Besuch eigentlich ignoriern wollte, werde ich Susann nicht hängen lassen.

„Wie geht´s dir?“, frage ich so allgemein wie möglich.

„Es geht gut“, antwortet sie. „Ich schlafe in einem extra Zimmer und alle sind sehr nett. Nur mit ein paar Jungs habe ich Stress, die sind doof. Aber ich habe schon ein paar Freundinnen gefunden, wir bleiben immer zusammen.“

Unverbindlich und nett. Kaum Information. Wie wohnt sie? Welche Rolle spielt die Lebensgefährtin des Kindesvaters? Bekommt sie genug zu essen? Ist sie auch nicht gefährdet? Tauchen wieder alte Bilder und Gefühle aus der Vergangenheit auf? Eigentlich ist es nicht meine Sache. Die Verantwortung trägt das Jugendamt. also beschränke ich mich auf die Rolle des Beobachters.

Da steht uns wohl etwas bevor, was wir noch nicht einschätzen können. Uns ist unerklärlich, dass wir Kontakte unterstützen sollen mit dem Menschen, der die größte Katastrophe im Leben unserer beiden Kinder herbeigeführt hat. Der sie vernachlässigt und so nachhaltig verletzt hat, dass sie ihr ganzes Leben daran zu tragen haben werden. Andererseits wissen wir sehr genau, dass die Herkunft eines Menschen in der Pubertät zum alles beherrschenden Thema wird, um dann in der Lage zu sein, sich von seiner Familie zu lösen.

Jeannett selbst scheint diese Situation wohl auch nicht ganz geheuer. Sie hat diesen Teil ihrer Persönlichkeit noch nicht angefangen, zu bearbeiten. Außerdem spielt die Konkurrenz zu ihrer Schwester wiederum eine Rolle.

Susann ist nun einen Schritt weiter und genießt das sichtlich. Ein Grund mehr für Jeannett, bald die Aufholjagd zu beginnen. Noch weiß sie nicht wie.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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