Du bist ungerecht!

Manchmal bringen Pflegekinder ihre Pflegeeltern an den Rand der Verzweiflung, und das wegen völlig unbedeutender Dinge. Für die Pflegeeltern unbedeutend. Für die Kinder haben sie schon eine Bedeutung.

Ruth ist heute mit einer Freundin im Theater. Der Abendbrottisch ist gedeckt, wir haben den Abend gut verbracht. Bis jetzt.
Nun muss nur noch unsere Katze gefüttert werden. Susann ist dran.

„Susann, fütterst du bitte noch die Katze?“, erinnere ich sie.

Susann bockt. „Nö. Warum soll ich das immer machen? Jeannett kann das auch mal machen.“

„Jeannett war gestern dran, also ist das heute deine Aufgabe“, erkläre ich. „So sind die Regeln.“

„Ich will aber nicht“, schreit sie. „Immer muss ich alles machen.“

„Susann, bitte!“ Ich versuche, die Ruhe zu bewahren.

„Nein, ich mach das nicht!“, brüllt sie und knallt ihre Zimmertür.

„Jeannett, kannst du bitte heute ausnahmsweise die Katze füttern?“, versuche ich Jeannett zu überreden. „Susann macht es dafür morgen und übermorgen.“

„Nein, ich mach das nicht“, antwortet sie mir scharf. „Immer muss ich für Susann einspringen. Du bist ungerecht!“

Wegen so einer Lappalie werde ich mich nicht aufreiben lassen. Also füttere ich die Katze. Aber ich überlege, was dahinter steckt.

Erstens scheint das die gefundene Situation für die Kinder, um mich vorzuführen, was ihnen geglückt ist. Aber dasselbe passiert, wenn ich allein weg will. Sie können es nicht ertragen, wenn die Familie unvollständig ist. Dann bricht eine von beiden einen Streit vom Zaun. Das ist die Situation, die sie in ihrer Kindheit ständig erlebt haben. Immer war einer der Eltern oder sogar beide nicht da.

Ein weiterer Grund ist die Konkurrenz zwischen den Geschwistern. Beide haben höllische Angst, ungerecht gegenüber der anderen behandelt zu werden. Besonders Jeannett, die ja ihre Schwester immer versorgen und für sie die Verantwortung übernehmen musste, ist dafür besonders sensibel. Nach Jahren haben wir sie so weit, dass sie nicht mehr den Zwang fühlt, für sie verantwortlich zu sein. Statt dessen will sie nun ebenso wie Susann unsere ungeteilte Aufmerksamkeit. Das können wir nicht leisten, besonders, wenn wir allein sind.

Habe ich richtig gehandelt? Was hätte ich tun sollen? Reden bringt nichts. Grenzen setzen? Konsequenzen androhen? Was nutzt das, wenn dem Gegenüber alle Konsequenzen egal sind? Wenn sie nichts Wert schätzen kann, keine materiellen Dinge, keine sozialen Kontakte, wenn alles gleichmäßig negativ bewertet wird? Wenn ihr alles egal ist?

Wir kennen so etwas nicht. Wir wägen vor- und Nachteile ab, haben Angst vor dem Verlust von Zuneigung, von Vorteilen, vor negativen Folgen. Wer nie Gutes erlebt hat und ständig auf der Hut ist, nicht benachteiligt zu werden, dem ist alles egal. Der erwartet nichts anderes als das Schlechte, weil es in seinem Erfahrungsschatz die Normalität ist.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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