Diagnose: Dyskalkulie

Pflegeeltern entdecken im Verlauf der Pflegschaft erst die Defizite ihrer Pflegekinder. Erst heißt es in der Schule: Das Kind ist unkonzentriert, zappelig, kann nicht rechnen, vertauscht die Buchstaben. Warum das so ist, muss eine Diagnostik klären. Erst dann heißt es: AD(H)S, Dyskalkulie, LRS. Erst dann gibt es Förderstunden und Nachteilsausgleich.

Der Schulpsychologe ist ein netter, älterer Mann. Wir sitzen in seinem Büro. Vor sich hat er ein dickes Paket von Diagnosebögen. Susann ist nervös. Was soll sie hier? Diesem Mann zeigen, wie sie rechnen kann?

„Susann, dies ist keine Prüfung“, beruhigt er sie. „Die Aufgaben zeigen mir, wie du rechnest und wo du deine Schwächen hast.“

Es wird etwa eine Stunde dauern. Ich setze mich in ein Café, bummle durch die Fußgängerzone. Dann kehre ich zurück, gespannt auf das Ergebnis.

Der Psychologe breitet die Diagnosebögen aus.

„Susann hat eine erhebliche Schwäche im Bereich der abstrakten Vorstellung von Zahlenmengen. Aber die räumliche Vorstellungsfähigkeit ist gut bis sehr gut.“

Genau das ist meine Beobachtung. Susann kann keine abstrakten Rechenaufgaben bewältigen. Rechnen wir aber mit Hilfe von Perlen oder Bonbons, geht es besser. Dennoch kann sie beim Zehner- und Hunderterübergang die Zahlen nicht richtig benennen.

„Also hat Susann Dyskalkulie?“, will ich wissen.

„Dyskalkulie wäre eine Krankheitsdiagnose“, belehrt mich der Fachmann. „Es handelt sich aber nicht um eine Krankheit, sondern um eine Lernschwäche. Wir sprechen von Rechenschwäche.“

„Kann diese Schwäche erworben sein oder ist sie genetisch bedingt?“, erkundige ich mich.

„Ob sie genetisch bedingt ist, kann ich nicht sagen“, antwortet der Psychologe, „aber erworben ist sie ganz sicher nicht. Für uns geht es nur um den Unterricht. Es gibt die Möglichkeit von Förderstunden an der Schule, es gibt auch einen Nachteilsausgleich. Bis zur fünften Klasse kann auf die Benotung verzichtet werden.“

Als wir die Förderstunden in der Schule in Anspruch nehmen wollen, erfahren wir, dass diese aus dem Stundenkontingent der Schule realisiert werden müssen. „Die Absicherung des Unterrichts hat Vorrang“, erklärt mir die Schulleiterin. Was nicht weniger heißt, als dass Förderstunden nur stattfinden, wenn die zuständige Lehrerin nicht zur Vertretung eingesetzt wird. Eine Stunde pro Woche. Ein Tropfen auf den heißen Stein.

Kinder, die in ihrer Kindheit schwer seelisch verletzt worden sind, haben es schwer. Jede weitere Schwäche schwächt auch ihr Selbstbewusstsein. Die Defizite bauen sich auf und schaffen mehr Unsicherheit. Leider aber gibt es kaum eine Therapie, die einen ganzheitlichen Ansatz hätte und alle Defizite im Zusammenhang sieht.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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