Was schön ist, mach ich kaputt

Viele Pflegeeltern erfahren immer wieder, dass ihre traumatisierten Pflegekinder entspannte, schöne Situationen, aber auch ihr Eigentum kaputt machen. Sie fragen sich, warum das so ist, sie sind betrübt und entsetzt über die ungebremste Aggression und den Hass, der dabei sichtbar wird. Oft fragen sie sich, was sie verkehrt machen.

Auch wir müssen diese Erfahrung immer wieder machen. Susann bekommt immer heftigere Aggressionsschübe, insbesondere sonntags beim gemeinsamen Frühstück. Sie weigert sich, beim Tischdecken zu helfen oder dabei, die Spülmaschine aus- oder einzuräumen.

Es scheint, als möchte sie erreichen, dass ihre Umwelt sich von ihr abwendet. Mit ihrem Eigentum scheint sie nicht zurecht zu kommen. So finden wir bei ihr fünf Federtaschen, die alle leer sind. Eine sollte im Hort bleiben, eine in der Schule, eine in der Mappe. Sie hat kaum noch Hefter, die die da sind, sind leer. Alles, was sie in der Schule bekommt, alle Hausaufgaben, alles ist weg.

„Susann, wie stellst du dir das vor?“, frage ich sie entsetzt. „Du kannst in keiner Schulstunde mehr aufpassen und mitarbeiten. Du kannst dich nicht vorbereiten. Weißt du überhaupt noch, was in der Schule läuft?“

Susanns Gesicht verzerrt sich, sie brüllt mich an.

„Ist mir doch scheißegal, die Schule interessiert mich nicht. Ich will da nicht mehr hin. Alle meckern bloß mit mir. Na und, dann bin ich eben blöd!“

Sie schlägt die Tür zu ihrem Zimmer zu. Der Fall ist erst einmal erledigt.

Traumatisierte Kinder haben kein Selbstbewusstsein. In frühester Kindheit haben sie immer wieder erfahren müssen, dass sie nichts wert sind. Das haben ihnen ihre Eltern so gezeigt und beigebracht. Nun kommt da jemand, der sie wertschätzt, aber der auch von ihnen verlangt, dass sie Verantwortung übernehmen dafür, was sie tun, und sei es nur, ihre Schulsachen geordnet beieinander halten. Sie verweigern jede Hilfe. Das ist sehr viel verlangt.

Traumatisierte Kinder lehnen alles ab, was dazu beiträgt, sich wohl zu fühlen. Sie können positive Situationen nicht ertragen. Sie müssen sie zerstören. Sie haben auch kein Verhältnis zu den Dingen, die sie umgeben. Alles ist gleich wertlos für sie. Sie möchten so gerne dazu gehören, zu einer Familie, zu einer Klasse und machen es dennoch kaputt, weil sie meinen, sie hätten es nicht verdient.

Ob diese Kinder je ein positives Verhältnis zu ihrer Umwelt haben können? In einer Familie leben können? Wir haben langsam unsere Zweifel daran. Vielleicht gibt es wirklich Kinder, die nicht familienfähig sind. Zu viele schlechte Erfahrungen in ihrer Kindheit scheinen sie daran zu hindern.

Advertisements

Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
Dieser Beitrag wurde unter Der Kampf um Normalität abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Was schön ist, mach ich kaputt

  1. Traurig schreibt:

    Die Schlussfolgerung hätte ich nicht besser formulieren können. Dies trifft auch auf die späteren Erwachsenen sehr stark zu – das Verhalten zu Ihrer eigenen Umwelt ist meiner meiner Meinung nach irreparabel.

    Traurig was manche Menschen durchmachen müssen, einfach nur traurig! Aber meiner Meinung nach sind traumatische Menschen nicht wirklich gesellschaftsfähig – ohne wirklich eigenes Verschulden.
    Das das der schwer einzusehen ist, kann ein wohlbehüteter Mensch nur sehr schwer oder auch gar nicht nach vollziehen. Die Seele eines Menschen hat einfach eine gewisse Kapazität, der eine mehr, der andere weniger.

    Gott stehe diesen Kindern in Ihrem späteren Leben zu. Ganz ehrlich, so etwas habe ich noch niemanden gesagt oder geschrieben.

    • Sir Ralph schreibt:

      Das ist sehr wahr. Diese menschen müssen sich einfach nur durchkämpfen. Sie haben einen gewaltigen Rucksack zu tragen. Das verstehen die anderen in ihrer Umwelt und die, die sie noch kennen lernen werden, meist überhaupt nicht.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s