Ich will nicht mehr zur Therapie!

Es gibt Pflegeeltern, die kämpfen endlos für eine Therapie für ihre traumatisierten Pflegekinder. Aber nicht alle Therapien sind geeignet. Verhaltenstherapien kommen nicht auf den Grund der Probleme und Symptome, ebenso nicht die systemischen Therapien. Tiefenpsychologische Therapien gehen zwar auf den Grund, aber sie konfrontieren das Kind durch das Wiedererleben der Traumata mit ihrer Kindheit und bergen so die Gefahr der Retraumatisierung.

Das Kind bemerkt das natürlich auch und verweigert sich nach Jahren den therapeutischen Bemühungen des Behandlers. Das ist bei Susann nicht anders.
Immer öfter versucht sie, die Therapie zu umgehen. Sie verpasst den Bus oder steigt nur mit Murren ins Auto, wenn ich sie hinfahren will. Ist sie einmal da, kommt sie mit absicht zu spät, was die Therapeutin überhaupt nicht goutiert. Frau Meyer-Frankenfeldt hat dafür kein Verständnis. Sie meint, wir müssten sicher stellen, dass Susann zur Therapie erscheint.

Eines Tages ist es so weit. Susann erklärt mir schon morgens vor der Schule, dass sie nicht zur Therapie gehen wird. Was also soll ich tun? Ich kann sie ja nicht mit Gewalt ins Auto laden und sie festbinden.

Also rufe ich die Therapeutin an. Ihr scheint die Situation so wichtig zu sein, dass sie sofort Zeit für mich hat. Ich steige ins Auto und fahre los.

Dort angekommen, werde ich höflich begrüßt. Ich darf auf der Couch Platz nehmen.

„Frau Meyer-Frankenfeldt, Susann hat mir heute Morgen erklärt, dass sie alle weiteren Therapietermine verweigert. Ich kann sie nicht zwingen.“

„Das ist aber ganz schlecht“, antwortet sie mir finster. „Wenn Susann in ihrer jetzigen Situation keine therapeutische Begleitung mehr hat, weiß niemand, was mit ihr passiert.“

„Wir würden ja auch eine Traumatherapie bevorzugen, die auf der Basis von EMDR stattfindet“, erwidere ich so vorsichtig und höflich wie möglich.

„Aber auch bei einem Therapeutenwechsel müsste der Nachfolger ja zunächst das Vertrauen Susanns gewinnen, bevor er mit EMDR beginnen könnte“ gibt sie zurück. „Traumatherapie ist letztlich nichts anderes als ganz normale Psychotherapie. Und EMDR ist bei weitem noch nicht gänzlich erforscht und erprobt. Susann ist jetzt auf einem guten Weg, aber ob sie jemals ohne therapeutische Hilfe auskommen wird, bezweifle ich.“

„Jedenfalls möchte Susann keinesfalls mehr zur Therapie kommen“, versuche ich das Gespräch wieder auf das eigentliche Problem zu lenken.

„Das ist ja auch kein Wunder“, belehrt mich die Therapeutin streng, „oder meinen Sie, dass Susann nicht bemerkt, dass Sie nicht mehr hinter der Therapie stehen? Das sieht sie natürlich als Chance.“

„Im Moment ist es so, dass Susann mit zwei Sitzungsterminen völlig überfordert ist“, versuche ich zu argumentieren. „Sie schafft ihre Hausaufgaben nicht und sie hat so gut wie keine Freizeit.“

„Aber was würde sie denn mit ihrer Freizeit anfangen? Meinen Sie wirklich, sie würde sie sinnvoll nutzen? Die Therapie IST eine sinnvolle Beschäftigung in der Freizeit.“

Die Frau begreift nicht, worum es geht. Also versuche ich einen Kompromiss.

„Wie wäre es, wenn ich heute Nachmittag zusammen mit Susann erscheine? Dann kann sie Ihnen selbst erzählen, was sie dazu meint.“

Ihr Gesichtsausdruck verfinstert sich. „Die Therapiesitzungen sind eigentlich nur für den Patienten da. Sie werden allein durch Ihre Anwesenheit beeinflussen, was Susann sagt.“

Vielleicht, denke ich, fühlt sie sich durch mich aber auch beschützt?

„Es gibt keine andere Möglichkeit“, insistiere ich. „Susann möchte es so und ich habe auch kein Problem damit.“

Zähneknirschend stimmt die alte Dame zu. Als Susann aus der Schule kommt, mache ich ihr den Vorschlag.

„Ich will da nicht mhr hin!“, weint sie.

„Aber wenn ich dabei bin, dann kannst du doch Frau Meyer-Frankenfeldt alles erzählen, was du meinst!“, wende ich ein. „Niemand wird dir den Mund verbieten.“

Schließlich stimmt Susann schweren Herzens zu.

Am Nachmittag sitzen wir wieder auf der Couch bei Frau Meyer-Frankenfeldt.
Susann blickt mich hilfesuchend an. Ich gebe ihr eine aufmunternde Geste. Schließlich faßt sie sich ein Herz.

„Ich möchte nicht mehr zur Therapie“, erklärt sie.

„Aber warum nicht?“, will die Therapeutin wissen.

„Ich habe so viel Hausaufgaben und schaffe sie immer nicht und ich möchte auch ein bisschen Freizeit haben.“

„Was möchtest du denn in deiner Freizeit tun?“, fragt die Therapeutin nach.

„Ich bin jetzt bei der freiwilligen Feuerwehr und ich möchte auch mal mit anderen Kindern spielen“, argumentiert Susann.

„Also gut, wenn du es so willst… Aber wir sollten uns auf jeden Fall im Laufe des nächsten Monats verabschieden und die Therapie beenden“, macht Frau Meyer-Frankenfeldt deutlich. Susann stimmt halbherzig zu.

Zu Hause kommt Susann mit der Wahrheit heraus. „Weißt du, Papa, ich möchte eigentlich auch nicht diese Verabschiedung. Wozu soll das sein? Ich möchte leben wie ein normales Kind, ohne Therapie.“

„Ok“, stimme ich zu, „aber dann musst du Frau Meyer-Frankenfeldt jetzt am Besten gleich anrufen und ihr sagen, dass du nicht mehr kommst.“

„Das mach ich“, sagt sie und springt energisch auf und zum Telefon. aber die Therapeutin ist nicht erreichbar. Ich habe den Eindruck, dass sie weiß, was auf sie zukommt und sich verleugnen lässt.

Erst nach Tagen, als der nächste Sitzungstermin fällig ist, erreicht Susann Frau Meyer-Frankenfeldt.

„Ich wollte Ihnen bloß sagen, dass ich nicht mehr zur Therapie komme“, sagt sie mutig. Am anderen Ende der Leitung zunächst Stille.

„Gar nicht mehr? Heute auch nicht?“

Susann bleibt standfest. „Nein, heute nicht und auch nicht wieder“.

Susann legt auf. Sie kommt tobend in die Küche gerannt und macht einen Luftsprung.

„Hurraaa, ich bin befreit!“

Es bleibt bei mir ein Unwohlsein. Haben wir Susann Jahre lang eine Therapie zugemutet, die sie eigentlich nicht wollte? War diese Therapie die richtige? Hat sie überhaupt etwas bewirkt? Wird es ein Neuanfang oder nur eine Verschlimmerung der Situation? Werden wir es schaffen, sie in eine traumatherapie zu bekommen? Oder ist das alles unsinnig? Sind wir eigentlich die Therapeuten und schaffen es alleine?

Wir wissen es nicht. Wir können nicht ahnen, wo diese Reise endet. Wir haben nur eine Ahnung davon, wie krank dieses Kind, dem in seiner Kindheit so viele Schmerzen und Wunden zugefügt wurden, wirklich ist.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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