Kaputtmachen und kuscheln

Wir wissen, dass Pflegeeltern viel Verständnis für ihre Pflegekinder aufbringen müssen. Sie müssen Aggressionen ertragen können, aber zugleich auch trösten und Liebe spenden. Aber manchmal überschreitet dieses Wechselbad der Gefühle die grenzen eines Menschen.

Susann tobt mal wieder.

„Ich füttere die Katze nicht, Ihr seid voll unverschämt!“

Sie rennt über den Flur in ihr Zimmer.

„Es ist alles so Scheiße hier!“

In ihrem Zimmer liegen knietief Schulsachen, saubere und schmutzige Kleidung und Papierschnipsel durcheinander.

„Ich denk nicht dran, ich räume mein Zimmer nicht auf!“

Ruth geht ihr entgegen, will sie in den Arm nehmen, um sie zu beruhigen. Sie erntet unkoordinierte Schläge. Susann rennt zur Haustür.

„Ich hau jetzt ab, da könnt ihr machen, was ihr wollt!“, schreit sie in die Wohnung. Dann rennt sie wieder in ihr Zimmer. Sie ist offensichtlich völlig desorientiert.

Ruth fällt mir in den Arm.

„Nico, ich halt das nicht mehr aus!“

„Lass sie sich erstmal wieder beruhigen“, tröste ich sie.

Dann ist es ruhig, stundenlang. Bis Susann zum Abendbrot kommt, völlig entspannt. Ihr Zimmer ist tip-top aufgeräumt. Sie kuschelt sich an Ruth.

„Ich hab euch so lieb, ich will hier nie weg“, schnurrt sie.

Was müssen diese Kinder alles erlebt haben, dass sie sich so verhalten müssen! Dass sie die Menschen, die sie lieben, so beschimpfen und ihnen das Leben schwer machen. Die Aggression gegen die Welt und ihre Vergangenheit muss raus, sie wendet sich gegen die Umwelt und sich selbst. Wenn sie wieder bei sich sind, verhalten sie sich wie ganz normale leibliche Kinder. Es ist nicht einfach, das zu ertragen.

Weil ich weiß, dass es Susann schlecht geht in solchen Situationen, versuche ich, bei ihr ein Bewusstsein herzustellen dafür, was ihr gut tut. Ich entwickle einen Fragenkatalog, der bei uns an die Pinwand kommt und den wir jeden Morgen oder mittags, wenn die Kinder aus der Schule kommen:

  1. Was will ich heute für mich tun?
  2. Was will ich heute für meine Familie tun?
  3. Was will ich heute mit anderen gemeinsam tun?
  4. und von Susann hinzugefügt: Was will ich heute nicht haben?

Susann geht sofort darauf ein:

„Ich will heute mein Zimmer aufräumen. Ich will mich nicht aufregen. Ich will den Tischdecken und die Wäsche aufhängen. In der Schule will ich gemeinsam mit anderen lernen. Und: Ich will keinen Stress haben.“

Traumatisierte Kinder sind krank. Sie kämpfen darum, Bindungen aufzubauen und zu halten, aber sie sind nur schwer in der Lage dazu, sie zu halten. Was sie aufgebaut haben und woran sie sich freuen, müssen sie wieder kaputt machen. Sie können den Unterschied zu ihren bisherigen Erfahrungen mit Erwachsenen in ihrer Kindheit nicht aushalten. Wieder und wieder sehen sie in ihren Pflegeeltern ihre leiblichen Eltern. Das führt immer wieder zu ihrem aggressiven Verhalten.

Wir dürfen uns nicht wundern, wenn das Ergebnis aus dem Fragenkatalog nicht lange hält. In einem Aggressionsschub sind sie leider nicht ansprechbar. Aber wir geben eine Richtung vor und schaffen einen Rückhalt, um sich darauf zu besinnen.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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