Das Gericht tagt

Wenn Pflegeeltern wegen ihrer Pflegekinder vor Gericht ziehen, sind ein paar hundert Euro locker drin. Sie zahlen es aus der eigenen Tasche, aber sie tun es, um die Bedingungen für die Kinder zu verbessern oder um Vorhaben der leiblichen Eltern, die ihren Kindern schaden könnten, abzuwehren.

Seit einiger Zeit versuchen wir, das Sorgerecht für unsere Kinder neu zu regeln. Leider stoßen wir dabei weder auf das Verständnis der Jugendämter noch des sorgeberechtigten Vaters. Nun ist der ‚Tag gekommen, an dem sich alle vor Gericht treffen.

Die Richterin sitzt auf einem erhöhten Podest, einer Bühne vergleichbar. Vor der Richterin befinden sich mehrere Tische, in einem stumpfen Winkel angeordnet. Der Vater sitzt gemeinsam mit seinem Anwalt, wie wir auch auf der anderen Seite, dem Gericht zugewandt, aber so, dass sich die Parteien auch teilweise ins Gesicht blicken können.

Unsere Anwältin begründet den Antrag entsprechend unseres Vorhabens, das Sorgerecht nicht für uns selbst zu beanspruchen, sondern es Eileen vom Pflegeelternverband zu übertragen, die die Kinder gut kennt.

„Es steht also eine Person als ehrenamtlicher Einzelvormund zur Verfügung, die das Sorgerecht ausüben könnte. Deshalb gibt es keinen Grund, das Sorgerecht auf das Jugendamt zu übertragen. Wie Sie wissen, sind nach SGB Einzelvormünder zu bevorzugen.“

Frau Schilling entgleisen ihre Gesichtszüge. Die Richterin blickt ungläubig. Sie fragt nach.

„Habe ich das richtig verstanden? Die Vormundschaft soll nicht auf die Pflegeeltern übergehen?“

„Das ist richtig. Frau S. ist eine absolut zuverlässige Person, die sich sehr für das Pflegekinderwesen im Allgemeinen und speziell für die Pflegekinder der Pflegefamilie einsetzt.“

Frau Schilling blickt finster. Ihre Lieblingsargumente des Rollenkonfliktes der Pflegeeltern in einer Vormundschaft haben sich in Luft aufgelöst.

Der Anwalt der Gegenseite faselt etwas von Zuverlässigkeit des Kindesvaters und dem Recht auf Umgang mit seinen Kindern, etwas, was in jedem schlechten Rechtskommentar steht. Tatsächliche Argumente findet er nicht. Der Kindesvater brummt ständig etwas vor sich hin, was Zustimmung signalisieren soll. Beide würdigen uns keines Blickes. Die Richterin hört gelangweilt zu.

Dann folgt der Urteilsspruch. Die Richterin lehnt die Übertragung des vollen Sorgerechtes zum jetzigen Zeitpunkt ab. Allerdings schreibt sie jedem von uns etwas ins Stammbuch.

„Hilfeplangespräche müssen nicht im Abstand von einem Jahr erfolgen. Sie können durchaus nach Bedarf erfolgen. Es müssen in diesem komplizierten Fall Fachleute wie die Psychotherapeuten der Kinder hinzu gezogen werden, um die Notwendigkeiten festzulegen. Erst dann kann abschließend über die Frequenz der Umgänge zwischen leiblichem Vater und den Kindern entschieden werden und die Umgänge flexibel geplant werden. Für das Jugendamt bedeutet es, eine professionelle Herangehensweise an die Problematik. Die Pflegeeltern sind zur Zusammenarbeit mit dem Jugendamt und dem leiblichen Vater verpflichtet. Ebenso hat der leibliche Vater künftig mit dem Jugendamt und der Herkunftsfamilie zu kooperieren, was sich nicht nur auf die Zustimmung zu gesundheitlichen Maßnahmen beschränken darf, sondern auch die Lösung der Probleme der Kinder betrifft. Sollte es nach diesen Versuchen dennoch zu keiner einvernehmlichen Lösung kommen, können wir uns an diesem Ort wiedertreffen.“

Zur Vermögenssorge ist der Fall klar. Sie kann nicht beim Kindesvater bleiben, da ihm sonst die Mittel aus dem Opferentschädigungsgesetz zufließen würden, obwohl er der Verursacher der Traumatisierung war.

„Die Vermögenssorge wird dem leiblichen Vater entzogen und bis eine geeignete Person zur Verfügung steht, dem Jugendamt übertragen“, urteilt die Richterin.

Wir sind etwas niedergeschlagen, haben wir doch mit einem anderen, für uns positiveren Ergebnis gerechnet. Aber unsere Anwältin versucht uns aufzubauen.

„Sehen Sie es doch mal so“, interpretiert sie das Urteil, „Sie sind dem Jugendamt gegenüber gestärkt hervorgegangen. Sie können jederzeit Hilfeplangespräche einfordern und sogar die Zusammensetzung mitbestimmen. Daran muss sich auch der leibliche Vater halten. Und wenn´s nicht klappt, können Sie jederzeit das Gericht wider anrufen.“

Dennoch sind wir, gelinde ausgedrückt, enttäuscht. Es bedeutet die Fortsetzung des Kampfes zwischen Jugendamt und uns. Warum bekommt ein Mann, der die größte Katastrophe im Leben seiner Kinder verursacht hat und noch immer über sie bestimmen will, noch eine Chance, warum darf er mitentscheiden, obwohl es ihm doch nur um sein eigenes Ego geht? Er hat sich wahrlich nicht als fähig gezeigt, für seine Kinder Verantwortung zu übernehmen. Ganz im Gegenteil hat er die Rechte an seinen Kindern damit, dass er sie vernachlässigt und traumatisiert hat, verwirkt.

Warum lässt man nicht die Kinder sich in Ruhe entwickeln und gönnt ihnen einen guten Start ins Leben, ohne sie zum Kontakt mit ihren Peinigern zu verpflichten? Uns fehlt einfach das Verständnis für solche Entscheidungen. Mit Kindeswohl hat das alles nichts zu tun.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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