Der Anwalt nimmt Stellung

Pflegeeltern erfahren immer wieder, dass leibliche Eltern sich weigern, das Sorgerecht abzutreten, obwohl sie ihr Recht nur noch selten fachgerecht und zum Wohl ihrer Kinder ausüben können. Viel mehr erinnert der Gebrauch des Sorgerechtes an einen Krieg gegen die Pflegeeltern. Zu diesem Zweck können sie unter der Bedingung der Mittellosigkeit kostenlos einen anwalt hinzuziehen, während die Pflegeeltern ihren Anwalt bezahlen müssen.

In unserem Falle nimmt der Anwalt des Kindesvaters Stellung. Er ist sich offenbar gewiss, dass er das Elternrecht auf seiner Seite hat und gibt sich bei der Argumentation keine nennenswerte Mühe.

Hier die wichtigsten der haarsträubenden Argumente:

Der versuchte Totschlag erfolgte vor neun Jahren. Die Tat haben die Kinder mehr oder weniger zufällig erlebt, da sie sich zu Besuch bei ihrem Vater zu Weihnachten aufhielten.

Was dahinter steht: Die Kinder sollten die Tat gar nicht miterleben, der Kindesvater kann nichts für die Traumatisierung der Kinder. Kein Wort über die Jahrelangen Vernachlässigungen der Kinder durch die Eltern. Kein Wort darüber, dass beide Elternteile offensichtlich unfähig waren, ihre Kinder zu erziehen.

Nur der Vollständigkeit halber wird angemerkt, dass die Kindesmutter, die Opfer der Tat war, wieder gelegentlich Kontakt zum Antragsgegner hatte nachdem dieser seine Freiheitsstrafe verbüßt hatte.

Was dahinter steht: So schlimm kann doch die Tat gar nicht gewesen sein, wenn die Kindesmutter wieder Kontakt zum Täter hat, offensichtlich hat sie ihm vergeben und die Tat ist durch die Sühne quasi ungeschehen.

Seit sechs Jahren leben die Kinder nun bei ihren Pflegeeltern. Die Frage muss gestellt werden, weshalb es jetzt unbedingt notwendig ist, nach so langer Zeit dem leiblichen Vater das Recht und die Pflicht zur elterlichen Sorge zu entziehen.

Antwort: Lieber Herr Anwalt, der Fall liegt ganz klar. Eigentlich hätte das Sorgerecht schon vor Verbüßung der Freiheitsstrafe entzogen gehört. Das ist wohl amtsseitig versäumt worden. Nun, da der Kindesvater Hunderte von Kilometern entfernt wohnt und mitunter nicht auffindbar ist, wenn es gilt, Entscheidungen über die Installation einer Traumatherapie treffen zu müssen, oder aber auch nur über eine Schulzurückstellung oder den künftigen Bildungs- oder Berufsweg entschieden werden muss, wäre es nur logisch, wenn die elterliche Sorge in einer Hand am Wohnort der Kinder zusammengefasst wäre. Dass die Vermögenssorge nicht bei Ihrem Mandanten verbleiben kann, damit die Opferentschädigungsrente nicht an den Täter und Verursacher der multiplen Traumata zurückfließt, dürfte offensichtlich sein.

Das angesprochene sexualisierte Verhalten von Jeannett kann der Antragsgegnerin nach so vielen Jahren gewiss nicht angelastet werden. Gleiches gilt für etwaige Mängel im Sozialverhalten und Bindungsverhalten. Immerhin leben die Kinder bereits eine lange Zeit im Haus der Antragsteller.

Falsch und unlogisch. Der Anwalt geht offenbar –  vermutlich wider besseres Wissen und nur um den Preis irgend eines Argumentes, sei es auch noch so abstrus – davon aus, dass sich eine traumatische Erfahrung verwächst, abschwächt und mit ihr die Symptome verschwinden. Alle Psychotherapeuten, egal welcher Richtung, sind sich jedoch darin einig, dass multiple Traumatisierungen und Vernachlässigung dauerhafte, irreparable Schäden in der Psyche eines Kindes hinterlassen, mit denen es sich zeitlebens herumschlagen muss. Da uns als Pflegeeltern den Vorwurf zu machen, wir hätten es in solch langer Zeit nicht geschafft, die Situation der Kinder zu verbessern, ist der absurde Versuch, uns und unsere Arbeit zu diskreditieren.

Der Antragsgegner hat stets mitgewirkt, wenn gesundheitliche Maßnahmen anstanden. Für die Entziehung der Gesundheitssorge besteht daher kein Anlass.

Eine dreiste Lüge. Natürlich hat der Kindesvater notwendigen Operationen  oder den Zahnspangen zugestimmt. Als es jedoch darum ging, bei den Kindern eine Traumatherapie einzuleiten, damit sie ihre Verletzungen bearbeiten können, hat er die Zustimmung kategorisch verweigert.

Seit einem Jahr besteht kein persönlicher Umgang mehr mit den Kindern. Dies ist auf den ausdrücklichen Wunsch der Pflegeeltern zurückzuführen. Es bestand ausnahmslos telefonischer Kontakt. Aber auch dieser wurde seitens der Pflegeeltern unterbunden.

Halbwahrheit! Therapeuten und Fachleute haben uns bestätigt, dass es für die Kinder eine Retraumatisierung bedeutet, dem Täter und traumatisierenden Elternteil gegenüber zu treten. Letztlich haben sie den Umgang verweigert. Nach Telefonaten zeigten sie erhebliche Krankheitssymptome. Jeder Kontakt widersprach dem Kindeswohl in einer kaum beschreibbaren Weise.

Es ist jedenfalls nicht gerechtfertigt, dem Umgang oder den sonstigen Kontakt des Antragsgegners mit den Kindern völlig auszusetzen.

Unbegründete Behauptung. Alle durch den Anwalt des leiblichen Vaters vorgetragenen Argumente sind durch die Wissenschaft und alle Erfahrungen eindeutig widerlegt.

Wir sind schockiert von der Naivität und der Dreistheit der Äußerungen des Anwalts, der den Kindesvater versucht, reinzuwaschen, bei ihm nicht die Spur einer Schuld sieht und uns statt dessen versucht, zu diskreditieren und uns die Verantwortung für die Krankheitssymtome der Traumatisierungsfolgen zuzuschieben. Auf primitive, populistische Art versucht er das Gericht zu beeinflussen und greift uns unverblümt an. Es ist unglaublich, dass das Jugendamt uns als Pflegeeltern, für die es doch da sein sollte, derart fallen lässt, anstatt uns zu unterstützen und zu verteidigen. Aber das gehört offensichtlich zum Spiel.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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