Das Jugendamt schlägt zu

Bestimmte Anlässe zeigen den Pflegeeltern traumatisierter Kinder, wie das Jugendamt sie Wert schätzt. Besonders wenn die Pflegeeltern aus pädagogischen Berufen stammen und sich ihre eigenen Fortbildungen und Informationsquellen suchen, finden manche Ämter das nicht mehr lustig. Anlässlich von Sorgerechtsverhandlungen lassen sie dann alle Hüllen fallen und zeigen ihre ganze Feindseligkeit, Unprofessionalität und Inkompetenz. Es ist die beste Möglichkeit zu ergründen, auf wessen Seite sie stehen: Auf der Seite der traumatisierenden Eltern oder der jenigen, die ansatzweise versuchen, die Folgen zu mildern.

Im Folgenden finden sich authentische Aussagen eines Jugendamtes anlässlich eines Sorgerechtsprozesses. Sie sind samt und sonders falsch oder für den Zweck gedacht, dem leiblichen Vater die elterliche Sorge, die er dadurch, was er seinen Kindern zugefügt hat, nach Meinung der Pflegeeltern verwirkt hat, zu erhalten.

Frau Schilling taucht, wie immer, völlig unvorbereitet in der Gerichtsverhandlung auf. Sie bringt eine Stellungnahme des Jugendamtes mit, die erst noch kopiert und den Anwesendenzur Kenntnis gebracht werden muss. Natürlich ist das volle Absicht. So kann sich niemand auf die „Argumente“ vorbereiten und angemessen reagieren.

Der Bericht schildert zunächst die Hintergründe der Pflegschaft. Ebenfalls wird nicht vergessen, zu erwähnen, dass der Kindesvater „wegen guter Führung“ vorzeitig aus der Haft entlassen worden ist.

Dann erfolgt der Hinweis darauf, dass die Pflegeeltern das Jugendamt darüber informierten, dass auf Empfehlung der Therapeutin von Susann ein begleiteter Umgang installiert werden sollte, um die Beziehung zu Susanns Vater aufzuarbeiten.

Zum damaligen Zeitpunkt wussten wir als Pflegeeltern noch nichts über die Folgen, die diese Umgangskontakte haben würden. Wir konnten uns einfach nicht vorstellen, was Vernachlässigung und Missbrauch für ein Kind bedeutet und welches Verhalten sie auslösen würden. Erst in Seminaren, die wir selbst bezahlten, haben wir erfahren, was das eigentlich bedeutet. Vorbereitung durch das Jugendamt und Unterstützung: Null. Eine Aufarbeitung der Umgangskontakte hat nie stattgefunden.

Jeannett befand sich für etwas über ein Jahr in psychotherapeutischer Behandlung. Nach Angaben der Pflegeeltern wurde die Therapie auf Drangen der Therapeutin beendet, da Jeannett nicht bereit war, sich der Therapeutin gegenüber zu öffnen.

Falsch. Wir haben mit der Therapeutin gesprochen und sind einvernehmlich zu dem Schluss gekommen, dass die Fortsetzung der Therapie nicht sinnvoll erscheint. Frau Schilling kann sich natürlich nicht vorstellen, dass man mit Pflegeeltern auch wie mit normalen Menschen reden kann, wenn man sie nur hinreichend akzeptiert mit ihrer beruflichen Erfahrung und Intelligenz.

Folgt eine lange Liste von Anlässen, zu denen der Kindesvater seine Zustimmung gegeben hat, davon einige wie § 35a SGB VIII oder Opferentschädigungsgesetz, zu denen gar keine Zustimmung erforderlich gewesen wäre.

Die Pflegeeltern konnten sich eine Traumatherapie für Jeanett vorstellen.

Falsch. Wir haben immer wieder darauf gedrungen, beide Kinder in einer EMDR-gestützten Traumatherapie unterzubringen. Dem Jugendamt ist das durch eine Vielzahl von Schreiben bekannt, in denen wir auf Unterstützung gedrungen haben.

Jeannett verweigert zum momentanen Zeitpunkt diese Therapie.

Daher wäre es wichtig gewesen, vom Jugendamt in diesem Punkt Unterstützung zu bekommen. Es war offensichtlich, dass für Jeannett weitere Probleme anstehen.

Herr Sodann hat bisher alle gesundheitlichen Maßnahmen, die für die Kinder notwendig waren, befürwortet. Einem Therapeutenwechsel für Susann hat Herr Sodann nicht zugestimmt. Eine Gefährdung für die Kinder im gesundheitlichen Bereich bestand nicht.

Falsch. Die gesundheitlichen Maßnahmen, denen der Kindesvater zustimmte, waren z.B. die Anfertigung von Zahnspangen. Jetzt aber, wo es ans Eingemachte ging, wo Vernachlässigung und Missbrauch ans Licht kommen könnten, widersprach er einer Therapie. Und die Gefährdung der Gesundheit der Kinder hat schon viel früher stattgefunden. Die Verweigerung einer Traumatherapie bedeutete für sie, dass sie bei einem unbehandelten PTBS weitere Persönlichkeitsstörungen entwickelten, wie z.B. das Borderline-Syndrom. Aber das Jugendamt weigert sich zugunsten der leiblichen Eltern, diese Gefahr realistisch einzuschätzen und überhaupt in Erwägung zu ziehen.

Den Weg zur und von der Therapie muss Susann meist ganz allein bewältigen. Dabei wäre es wichtig, dass sie von ihren Pflegeeltern begleitet wird, um sie nach der Therapie aufzufangen und vielleicht auch zu trösten.

Falsch. Meist holte ich beide Kinder von der Therapie ab. Sie waren dann häufig sehr müde, aber reden? Trösten? Niemals. Häufig bin ich dutzende von Kilometern gefahren, um erst Susann und dann Jeannett zur Therapie zu bringen und wieder abzuholen. Wir empfinden diesen Vorwurf als Teil eines Feldzuges gegen uns, um zu verhindern, dass jemand anders als das Jugendamt womöglich das Sorgerecht bekommt.

Das Jugendamt weist vor allem auf die Gefahr eines Therapeutenwechsels und des erneuten Bruchs, den Susann dadurch in einer Beziehung, die jahrelang besteht, erleiden würde, hin.

Dasselbe Jugendamt verweigert aber uns als Pflegefamilie alle Unterstützung und schreckt nicht davor zurück, uns anzubieten, die Kinder in Obhut zu nehmen, eine fünfjährige Bindung, falls sie dazu überhaupt fähig sind, abzubrechen.

Der Pflegevater berichtete mir wiederholt, dass es schwierige erzieherische Situationen gab. Das Jugendamt hat wiederholt die Inobhutnahme der Kinder angeboten, sollten die Pflegeeltern ihrem Erziehungsauftrag nicht mehr gerecht werden können.  Dies wurde von den Pflegeeltern stets abgelehnt. Der Pflegevater gab an, „sie hätten ihre Grenzen erreicht, schon darüber hinaus“.

Hier hat das Jugendamt einen Hilferuf völlig missinterpretiert. Wir wollten Hilfe, um die Kinder zu behalten, nicht, um sie zu verlieren. Es ist nichts weiter, als die Chance, uns vor Gericht zu diskreditieren. Frau Schilling geht zu diesem Zeitpunkt offensichtlich davon aus, dass wir das Sorgerecht haben wollen. Wie schon öfter hat sie unsere Schreiben und ihre Akten nicht richtig gelesen.

Aus unserer Sicht könnten jedoch Probleme auftreten, wenn die Pflegeeltern zu Vormündern bestellt würden, da diese sich in einen Rollenkonflikt begeben müssten, der sich darin äußert, dass sie einmal als „gesetzliche Eltern“ Entscheidungen treffen müssten und gleichzeitig in der Rolle der Pflegeeltern sind. Erfahrungsgemäß  nimmt die Belastung im eigenen Familiensystem zu.

Falsch. Wo liegt da der Rollenkonflikt? Ganz im Gegenteil fragen sich Pflegekinder, warum ihre (Pflege-)eltern nicht über Dinge wie Operationen, Schulabschlüsse oder die Ausstellung von Personalausweisen bestimmen können. Sie sind dadurch in eine andere Position gerückt als leibliche Kinder. Wenn Kinder in ihren Familien leben, ist die Ausübung des Sorgerechtes durch die Eltern völlig normal und es kommt zu keinem Rollenkonflikt. Warum also sollte die Belastung im einenen Familiensystem zunehmen? Solange sich die leiblichen Eltern nicht in die Erziehung einmischen, gibt es keinen Grund für die Zunahme einer Belastung.

Aber wir verstehen schon, auf welchem Hintergrund diese Argumentation steht: Pflegeeltern sollen füttern und kleiden und nicht mehr. Es ist eben die typische Argumentation des Jugendamtes, abgeschrieben aus irgend einem Lehrbuch.

Ein Eingriff in das Sorgerecht wird aus diesem Grund durch uns nicht als notwendig angesehen.

Das heißt: Das Jugendamt steht zum Kindesvater. Es bezieht Position gegen die Pflegeeltern. Damit ist das Urteil des Gerichtes nur noch Formsache.

Bei möglichem Ausschluss des Umganges ist mit einer zunehmenden Entfremdung der Kinder vom Kindesvater zu rechnen. Sie würden damit automatisch in einen Loyalitätskonflikt zwischen Kindesvater und Pflegeeltern geraten, da sie keine der beiden Parteien verletzen wollen.

Falsch. Der Loyalitätskonflikt wird nicht durch die Pflegeeltern ausgelöst, sondern durch den Kindesvater, der seine Kinder als sein Eigentum betrachtet und zunehmend an ihnen herumzerrt. Die Annahme, dass die Kinder ihrem Vater gegenüber Loyalität zeigen wollten, ist pure Spekulation. Warum sollten sie das angesichts der Tatsache, dass er die größte Katastrophe im Leben seiner Kinder verursacht hat?

Es wird empfohlen, bei einem eventuellen Eingriff in das Sorgerecht dieses auf das Jugendamt zu übertragen, da dieses eventuelle Spannungen zwischen den Pflegeeltern und dem Kindesvater sachgerechter behandeln würde und eventuelle Zwistigkeiten durch entsprechende Beratung der Pflegeeltern und dem leiblichen Vater aus dem Wege räumen könnte. Auf diese Weise würden die Kinder nicht in ein eventuelles Spannungsverhältnis zwischen Pflegeeltern und Kindesvater geraten.

Völlig unbegründet. Wer sagt, dass das Jugendamt Konflikte zwischen Pflegeeltern und leiblichen Eltern sachgerechter behandeln würde? Und was hat das mit dem Sorgerecht zu tun, das ja nichts mehr ist, als eine juristische Größe? Und würde das Jugendamt uns nicht mehr beraten, wenn wir das Sorgerecht hätten? Was hat das miteinander zu tun? Wenn die Kinder ihre Pflegefamilie nach Jahren als Familie akzeptiert hätten, warum sollten sie dann in ein Spannungsverhältnis geraten?

Auch ohne Sorgereccht der Pflegeeltern können Pflegekinder in einen Loyalitätskonflikt geraten, wenn die leiblichen Eltern diesen nur intensiv genug betreiben und die Pflegeeltern diskreditieren, anstatt sie zu unterstützen. Besonders traumatisierte Kinder sind dafür anfällig, wenn sie in der Pubertät nach neuen Rollen und einer neuen Identität suchen. Aber die leiblichen Eltern tun ihren Kindern damit keinen Gefallen, sondern verschlimmern nur noch deren Situation.

Was dahinter steckt: Das Jugendamt will auf jeden Fall verhindern, dass wir das Sorgerecht bekommen. Dass wir es gar nicht haben wollen, sondern es auf Eileen vom Pflegeelternverband übertragen sehen wollen, ist nicht angekommen. Wir wollen einen Einzelvormund, wie es das Gesetz vorsieht. Aber auch das wird das Jugendamt nicht wollen. Tatsächlich will Frau Schilling uns nicht gestärkt sehen. Leibliche Eltern sind eben leichter zu führen als so manche Pflegeeltern. Dafür schreckt sie nicht davor zurück, uns als unfähig darzustellen.

Eines ist klar: Das Jugendamt steht mehr auf der Seite des Kindesvaters als auf unserer Seite. Nicht dass wir das nicht schon wüssten. Aber es ist eine unschöne Erfahrung, es so deutlich schwarz auf weiß präsentiert zu bekommen.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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