Es geht bergab

Es gibt Situationen, da müssen Pflegeeltern erkennen, wie es um ihre Pflegekinder steht. Sie erkennen, dass sich Situationen häufen, denen sie nur schwer gewachsen sind. Die erste Reaktion ist: Was machen wir falsch? Halten wir das durch? Welche Lösungen gibt es? Wer kann uns helfen?

Susanns Zustand degeneriert zusehens. Sie verweigert ständig, die Wäsche aufzuhängen und ihr Zimmer aufzuräumen. Sie brüllt und schreit. Sie bringt uns an unsere Grenzen. Mehrmals rastet sie beim Abendessen oder Frühstück aus, knallt das Messer auf den Teller, so dass er scheppernd zerbricht. Sie beschimpft Jeannett, die doch ihre Schwester ist. Meist ist sie zuerst ganz gelassen und steigert sich dann in die Aggression hinein. Sie beschimpft uns mit Ausdrücken wie „Ihr seid voll unverschämt!“, wenn wir sie bloß bitten, die Katze zu füttern.

Auch Jeannett scheint die Situation nicht geheuer. Sie stellt ihrer Schwester eine komplette Federmappe aus ihrem Bestand zusammen, mit Buntstiften, Lineal, Füller und allem, was dazu gehört. Es hält nicht lange. Am nächsten Tag ist alles verstreut in ihrem Zimmer oder in der Schule verschusselt.

Wir können so nicht in einer Familie leben. Wir sagen es Susann. Wir decken kein Geschirr und Besteck mehr für sie, um ihr zu zeigen, welche Auswirkungen ihr Verhalten hat. Zum Schluss beschließen wir, ihre Wutausbrüche nicht mehr zur Kenntnis zu nehmen. Es nützt nichts.

Natürlich reden wir mit anderen Pflegeeltern darüber. Wir reden mit Eileen vom Pflegeelternverein. Wir bekommen gute Ratschläge. Aber nichts funktioniert. Eine Analyse von Susanns Verhalten schicken wir an das Jugendamt. Vergeblich. Keine Antwort.

Während eines Gesprächs nach dem Abendessen schlage ich einen „Tag des Flüsterns“ vor: Einen Tag lang sollen alle sich nur durch Flüstern verständigen. Ich verspreche mir davon, dass sich alle besser gegenseitig zuhören. Aber selbst Ruth findet meine Erkenntnis aus der Kommunikatioswissenschaft doof. So wird weiter getobt und geschrien.

Ganz sicher sind wir unserer Sache nicht. Ist es richtig, Susann quasi aus unserer Familie auszugrenzen? Warum reagiert sie bloß nicht auf unsere Bemühungen? So gern würden wir alle zusammen mit allen ein harmonisches Miteinander haben. Vielleicht kann sie gerade das nicht ertragen? Sie lässt es einfach nicht zu und reinszeniert, was das Zeug hält.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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