Die Therapeutin spricht

Pflegeeltern traumatisierter Pflegekinder können sich glücklich schätzen, wenn sie es schaffen, für ihre Kinder eine Therapie zu organisierenund diese sich darauf einlassen. Eine Therapie sollte den Pflegekindern helfen und den Pflegeeltern Anleitung geben,die Defizite ihrer Pflegekinder zu verstehen und mit ihnen umzugehen.

Wir haben schon lange den Eindruck, dass das bei der Therapie von Frau Dr. Meyer-Frankenfeldt nicht der Fall ist. Also thematisieren wir beim nächsten Elterngespräch unsere Probleme und schildern Susanns Verhaltensauffälligkeiten, die uns immer öfter an unsere Grenzen bringen.

„Susann ist in ihrer Kindheit schwer mehrfach traumatisiert worden“, erklärt uns die Therapeutin. „Das zeigt sich natürlich in ihrem Verhalten.“

„Welches Ziel verfolgen Sie mit Ihrer Therapie?“, erkundige ich mich.

„Es gibt nur ein Ziel und das ist die Erhaltung des Status Quo“, antwortet die Ärztin. „Susann leidet unter einer schweren Persönlichkeitsstörung. Wenn Susann Sie nicht hätte, mag ich mir nicht vorstellen, was passieren würde. Sie würde in der Gosse landen, sich prostituieren oder in schwere Depressionen verfallen, es wäre das sichere Ende ihres geregelten Lebens. Nur Sie können ihr die Kraft geben, die sie braucht, um ein halbwegs normales, behütetes Leben zu führen.“

Wenn diese Frau wüsste, wie es bei uns zu Hause aussieht und dass schon lange alle Grenzen überschritten sind! Erst gestern hat Susann eine Stunde lang in Anwesenheit unserer Familienhelferin Randale gemacht. Wir fanden später leere Briefchen mit Schwarzteekonzentrat für 1 1/2 l Tee aus unserem Vorratsschrank. Susann hat sich damit einen Liter Tee gemacht und diesen auf einmal hinuntergestürzt. Kein Wunder, dass es ihr danach schlecht ging.

„Welche Mittel setzen Sie denn für die Therapie ein?“, interessiere ich mich schließlich.

„Ich lasse Susann ihre frühkindlichen Erfahrungen reinszenieren. Darüber hinaus übe ich mit ihr lesen und rechnen, um ihr Selbstbewusstsein zu stützen“, antwortet die Spezialistin.

„Wir würden eine stationäre Langzeitdiagnostik als Vorstufe für eine Traumatherapie befürworten“, rege ich nun an.

Die weise wirkende Dame lächelt mild ob meiner Anmaßung.

„Ach wissen Sie, wir kennen doch die Diagnose. Eine Langzeitdiagnose wäre völlig ungeeignet für die Verbesserung des Zustandes des Kindes. Es würde Susann nur aus ihrem gewohnten Umfeld herausreißen. Sie braucht Ihre Nähe und Fürsorge.“

Warum habe ich nur das Gefühl, dass Susanns Therapeutin uns nicht versteht oder ganz bewusst nicht verstehen will?

So kommen wir nicht weiter. Wir wissen, dass die Reinszenierung ihrer frühkindlichen Erfahrungen Susann nicht gut tut, sondern bei ihr eher dissoziative Reaktionen hervorruft, die wir nicht mehr steuern können.  Wir zweifeln immer mehr daran, dass die Therapie zu irgend einem Erfolg führen wird.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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