Susanns Rechenmethode

Pflegeeltern sind häufig damit konfrontiert, dass ihre traumatisierten Pflegekinder rechenschwach sind. Dabei vermuten sie, dass der Grund für die Unkonzentriertheit die Traumatisierung ist. Jedoch müssen traumatisierte Kinder nicht rechenschwach sein und rechenschwache Kinder nicht unbedingt traumatisiert.

Susann soll Hausaufgaben für Mathe machen. Vier mal fünf Aufgaben stehen da in einem Päckchen. Wie die Lehrer wissen, für gute Schüler eine Arbeit von zehn Minuten, für schwache etwa eine halbe Stunde. Für Susann nicht zu bewältigen.

Wir machen uns an die erste Aufgabe. Sie lautet: 25+18=?

Susann beginnt, an den Fingern abzuzählen. Dabei nimmt sie den Daumen der linken Hand als 25. Dann zählt sie hoch. Beim Zehnerübergang auf 30 bleibt sie hängen.

„Susann, merkst du, dass das nicht geht?“, kritisiere ich. „Mach es ohne Finger.“

„Das kann ich nicht“, widerspricht sie.

Das Fingerrechnen ist ja eigentlich nicht verkehrt, aber es zeigt, dass das Kind eben keine abstrakte Vorstellung von Zahlen hat und daher nicht ohne Hilfe rechnen kann. Außerdem beinhaltet die Methode einen Fehler: Da bei der vorgegebenen Zahl angefangen wird, hochzuzählen, kommt ein falsches Ergebnis heraus.

„Was ist denn der nächste volle Zehner nach 25?“

Susann stutzt. Sie hat keine Vorstellung von diesem Begriff. Was um Himmels Willen sind Zehner? Und können Zehner auch leer sein oder halb voll? Aber es hört sich irgendwie wie Zehn an.

„Zehn“ ist die folgerichtige Antwort.

„Ist das weniger oder mehr als zwanzig?“, will ich von ihr wissen.

„Wozu muss ich das wissen? Es steht nicht in der Aufgabe!“

„Susann, welcher Zehner kommt nach 25?“

Susann zählt: „Zehn, zwanzig – dreißig!“

„Und danach?“

„Zehn, zwanzig, dreißig – vierzig!“

„Sehr schön“, freue ich mich. „Was ist also 25 plus 18?“

Susann zückt die Hände.

„Mach´s mal ohne Finger“, weise ich sie an.

Susann ballt ihre Finger zu Fäusten und starrt an die Decke. Dabei wippt sie achtzehn mal mit dem Kopf. Sie zählt.

„Zweiundvierzig!“, ist die verblüffende Antwort. Sie hat die 25 mitgezählt.

„Dann machen wir das anders“, beschließe ich. „Rechne mal die Zehner und die Einer zusammen. Was kommt dabei heraus?“

Susann rechnet auf ihrem Schmierzettel. Sie rechnet 2+1=3. Dann rechnet sie 5+8=13. In ihr Aufgabenheft hinter die Aufgabe schreibt sie 313.

„Susann, sieh dir doch mal dein Ergebnis an. Runde mal 25 und 18 auf die nächsten Zehner auf.“

„Dreißig und zwanzig“, kommt das Ergebnis nach einigem Nachdenken.

„Wenn du dreißig und zwanzig zusammenrechnest, was kommt dabei heraus?“

„Warum muss ich das rechnen? Das steht nicht in den Aufgaben!“, beschwert sich Susann erneut.

„Daran kannst du erkennen, dass nicht einmal beim Überschlag eine Zahl herauskommt, die über Hundert liegt. Es ergibt nämlich fünfzig.“

„Na und?“, bockt Susann. „Ich habe die Aufgabe gerechnet.“

„Aber das Ergebnis ist falsch“, stelle ich fest.

Susann bricht in Tränen aus. „Ich verstehe das nicht, ich bin eben doof“, resigniert sie.

„Nein, du bist nicht doof. Gib mir mal die Tüte mit den Erdnüssen.“

Susann holt die Erdnüsse vom Regal. „Zähl mal fünfundzwanzig Erdnüsse ab.“

Das klappt. „Und nun mach einen anderen Haufen mit achtzehn Erdnüssen. Und dann packst du beide Haufen zusammen. Zähl sie durch. Wieviel sind das?“

Susann strahlt. „Dreiundvierzig!“ Dann verfinstert sich ihr Gesicht. „Ich kann doch in der Klassenarbeit nicht mit Erdnüssen rechnen!“

Da hat sie Recht. Sie ist in Mathe für diese Klassenstufe nicht geeignet. Wie sollen wir dieses Problem nur angehen? Ich muss ihr wieder einen Zettel mitgeben, auf dem ich erkläre, dass Susann die gesamten Aufgaben nicht schafft.

Wie wenig sie die rechnerischen Probleme durchschaut, zeigt die Beschäftigung mit einer Textaufgabe.

Die Aufgabe lautet:

Dein Papa kauft im Supermarkt sechs Kisten Mineralwasser  In jeder Kiste sind sechs Flaschen. Stelle die Aufgabe und beantworte sie.

Susanns Aufgabenstellung: „Wieviel muss mein Papa bezahlen?

Die Rechnung: 6+6=12

Antwort: Er bezahlt 12 Euro

Rechenschwäche ist keine Frage des fehlenden Willens oder von Dummheit. Diese Kinder können sehr gut logisch denken. So fragen sie sich bei Hilfestellungen, warum sie Aufgaben rechnen sollen, die sie in keinem Zusammenhang mit der ursprünglichen Aufgabe sehen. Was ihnen fehlt, ist die Fähigkeit, zu abstrahieren. Dies ist eine Lernbehinderung, die sorgfältig diagnostiziert und ausgeglichen werden muss.

Advertisements

Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
Dieser Beitrag wurde unter Der Kampf um Normalität abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s