Hilfe durch die Schule?

Pflegeeltern sind auch dazu da, ihren Pflegekindern in der Schule zu helfen und für sie die besten Bedingungen zu schaffen. Es muss deutlich gesagt werden, dass unsere Schulen auf Kinder, die traumatisiert sind, nicht vorbereitet sind. Aber es ist nützlich zu wissen, dass es auch vielfältige Unterstützungsangebote gibt, die man nutzen kann, wenn man sie kennt.

Deshalb spreche ich heute mit der Sonderpädagogin an Susanns Schule über Möglichkeiten, Susann zu fördern.

„Es gibt zwei Möglichkeiten, Susann zu fördern“, erklärt sie mir. „Eine Möglichkeit ist es, zwei Förderstunden für verhaltensauffällige Kinder zu bekommen. Man nennt das sozial-emotional behindert. Dafür müssten aber die meisten Schulnoten schlecht, das heißt, mindestens Note 5 sein; das sind die geltenden Kriterien. Das ist bei Susann nicht der Fall.“

„Aber verhaltensauffällig ist sie doch wohl?“, entgegne ich.

Die Lehrerin verzieht das Gesicht. „Nnee, richtig verhaltensauffällig ist sie nicht. Manchmal rastet sie zwar aus, aber sie entschuldigt sich dann auch und ist einsichtig. So kommen wir da nicht ran.“

Ich fasse es nicht. Was muss erst passieren, damit Kinder verhaltensauffällig sind? Oder, anders herum, nur, weil Susann nach einem Abrutschen in ihren emotionalen Persönlichkeitsanteil wieder in ihren alltagsnahen Persönlichkeitsanteil zurück findet, gilt sie als nicht verhaltensauffällig? Ja, nicht einmal Sonderpädagogen kennen sich mit dissoziativen Persönlichkeiten aus. Als Pflegeeltern haben wir ihr da ein Stück voraus.

„Aber es gibt da noch eine Möglichkeit“, überlegt die Sonderpädagogin, „zur Förderung von lernbehinderten Kindern gibt es unter Umständen Förderstunden aus dem Stundenkontingent der Schule. Das heißt, wenn ADS, ADHS, LRS oder eine Rechenschwäche diagnostiziert worden wäre, bekäme sie im Rahmen unserer Möglichkeiten Förderstunden. Die würde ich durchführen. Sie würde dann aus dem regulären Unterricht heraus genommen werden und bei mir Förderstunden bekommen. Dafür müsste allerdings der zuständige Psychologe beim Schulamt eine Untersuchung durchführen und es wäre hilfreich, wenn ein Therapeut bereits eine solche Lernbehinderung diagnostiziert hätte.“

Von den Abkürzungen schwirrt mir der Kopf. Durch meinen Beruf weiß ich zum Glück:

  • ADS ist das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom. Es äußert sich darin, dass das Kind nicht in der Lage ist, die Wahrnehmungen, die es aufnimmt, zu bewerten und die, die im Moment unwichtig sind, zu vernachlässigen.
  • ADHS bedeutet, dass zusätzlich zum Aufmerksamkeitsdefizit noch eine Hyperaktivität kommt, also das Kind nicht in der Lage ist, stillzusitzen und sich auf den Lernprozess zu konzentrieren.
  • LRS ist die Lese-Rechtschreibschwäche, die sich mitunter dadurch zeigt, dass das Kind beim Schreiben Buchstaben verdreht und nicht in der Lage ist, die Rechtschreibregeln zu befolgen.
  • Rechenschwäche bedeutet, dass das Kind nicht in der Lage ist, mit abstrakten Zahlen ohne Hilfsmittel zu operieren und zu rechnen.

Unsere Therapeutin, Frau Meyer-Frankenfeldt, will davon jedoch nichts wissen.

„Es kommt darauf an, Susann jetzt nicht zu stigmatisieren, sondern ihr durch Hilfe mit den Hausaufgaben zu helfen. Das stärkt ihr Selbstbewusstsein und bringt Erfolge in der Schule. Deshalb lesen und rechnen wir auch in den Therapiestunden“, belehrt sie uns.

Viel Wissen über Lernstörungen scheint unsere Therapeutin also nicht zu besitzen. Sie leugnet sie einfach und lässt uns damit im Regen stehen.

Immerhin habe ich einen Termin beim Schulpsychologen ergattert, eingeschoben, besonders dringlich und „schon“ in zwei Monaten. Zwei Monate verschenkte, verschleuderte Zeit, in der Susann schon lange geholfen werden könnte.

Was ich aus meinen Bemühungen gelernt habe, ist folgendes:

  • Das Schulsystem bietet Fördermöglichkeiten. Allerdings müssen die Kinder, die in den Genuss einer solchen Förderung kommen, schon sehr nah am Abgrund stehen.
  • Alles, was in der Schule an Förderstunden ausgereicht werden kann, orientiert sich an strengen Vorgaben, die erfüllt sein müssen.
  • Zum Teil gehen die Förderstunden zu Lasten des Stundenkontingents der einzelnen Schule. Es kann davon ausgegangen werden, dass die Absicherung des regulären Unterrichts durch Vertretungsstunden vorgeht.
  • Ist die Sonderpädagogin nicht da, finden keine Förderstunden statt.
  • Es muss bereits eine Lernschwäche diagnostiziert sein, bevor man einen Antrag stellen darf.
  • Der schulpsychologische Dienst ist dermaßen überlastet, dass Monate ins Land gehen, bevor die Förderung überhaupt anlaufen kann.

Wir sind genervt. Wir brauchen wirklich Erfolgserlebnisse für Susann in der Schule. aber es gibt niemanden, der uns wirklich helfen könnte, diese Erfolgserlebnisse zu erreichen Immer heißt es „nicht zuständig“, „machen sie einen Termin“, „so schlimm ist es gar nicht“, „werten sie Susann nicht ab“. Wir sehen, dass sie leidet und wir leiden mit ihr. Es scheint, als ob niemand für uns Verständnis aufbringt. Niemand versteht, dass Susann mehrfach benachteiligt ist, in einer Weise, wie sie sogar Fachleute zum Staunen bringt.


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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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