Unser alltäglicher Kampf

Wenn Pflegekinder an den Folgen ihrer Traumatisierung in frühester Kindheit leiden, bedeutet es für ihre Pflegeeltern den alltäglichen Kampf, mit den Symptomen und anderen unberechenbaren Situationen fertig zu werden.

Für uns bedeutet das:

  • Susann kann in ihrem Zimmer nicht einmal eine grundlegende Ordnung einhalten. Handtücher, Schulsachen, Spielzeug, alles wandert auf den Boden und bleibt dort liegen, bis sie mal einen guten Tag hat und alles aufräumt. Die guten Tage werden immer weniger. Fachleute sagen uns, dass sie so ihr inneres Chaos und ihre Verwahrlosung widerspiegelt. Häufig setze ich mich zu ihr und lese ein Buch oder unterhalte mich einfach mit ihr, während sie aufräumt – zuerst die Anziehsachen dass das Papier und die Schulsachen…
  • Susanns Aggressionsschübe treten in immer kürzeren Abständen auf. Anlässe muss es nicht geben, aber sie können in Anforderungen liegen, die in einer Familie nun mal vorhanden sind: Tisch decken, Wäsche aufhängen… Diese Aggressionen zu ignorieren, funktioniert nicht; sie weden dadurch schlimmer. Wir wissen, dass diese Ausraster nicht auf uns gerichtet sind; sie könnten jeden treffen und in jeder Situation auftauchen, die für Susann nicht überschaubar ist.
  • Ganz problematisch ist der Schulunterricht. Er bietet in jeder Beziehung durch seine Anforderungen Anlässe zu aggressivem Verhalten. Aber ebenso zeigen sich Symptome von Amnesie: Vergessen von Heftern und Ordnern sowie Hausaufgaben. Turnschuhe sind ganz selten beisammen. Schreibgeräte sind oft weg oder kaputt. Wir haben dafür gesorgt, dass Susann eine Federtasche in der Schule behält und diese von Zeit zu Zeit aufgefüllt wird. Außerdem habe ich eine Untersuchung beim Schulpsychologen angeschoben, damit wir alle Fördermöglichkeiten ausschöpfen.
  • Eine weitere Unwägbarkeit ist die Familienhilfe durch Frau Sossna. Manchmal kommt sie eine halbe oder ganze Stunde zu spät, manchmal sagt sie ganze Termine ab. Wir verlassen uns eigentlich auf die Hilfe, damit wir uns neu sortieren können. Aber für Frau Sossna scheinen wir keine richtigen Hilfebedürftigen zu sein, weil wir nicht die übliche Hilflosigkeit ausstrahlen und den Alltag trotzdem noch recht gut hinbekommen. Da bleibt man schon mal länger bei einer anderen Familie, bei der es mehr und offensichtlicher brennt.
  • Die Therapie hat offensichtlich keine Wirkung. Susann erzählt selten etwas davon. Wir wissen, dass die Therapeutin mit ihr Lesen und Rechnen übt. Der Sinn bleibt uns verschlossen.

Alles in allem fühlen wir uns allein gelassen und überfordert. Stück für Stück lerne ich Susanns Verhalten als Symptome verstehen. aber es hilft uns nicht wirklich weiter, wenn wir uns in der Auseinandersetzung befinden. Die Hilflosigkeit steigt eher noch mehr.

Es ist nicht klar, wie lange wir diese Anstrengung noch durchhalten.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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