Hilfeplangespräch: Beistandsregelung ausgehebelt

Hilfeplangespräche sind für Pflegeeltern zu allermeist Stress. Sie werden von den Jugendämtern häufig im Unklaren darüber gelassen, worum es in dem Gespräch geht und dass sie eine weitere Person als Beistand mitbringen dürfen:

SGB X, § 13:

(4) Ein Beteiligter kann zu Verhandlungen und Besprechungen mit einem Beistand erscheinen. Das von dem Beistand Vorgetragene gilt als von dem Beteiligten vorgebracht, soweit dieser nicht unverzüglich widerspricht.

Mitunter versuchen Jugendämter sogar, diese Regelung bewusst auszuhebeln. So haben wir es auch erfahren müssen.

Es war Eileen vom Pflegeelternverband, die uns auf diese Möglichkeit hinwies und wir haben sie gerne in Anspruch genommen. Es war schnell besprochen und beschlossen: Eileen wird beim Hilfeplangespräch mit zugegen sein.

Ein kleiner Raum, ein Konferenztisch, eine Armada an „Fach“leuten erwartet uns: Frau Sossna, die Familienhelferin, ihr Teamleiter, die begutachtende Ärztin des Landkreises, eine weitere Mitarbeiterin des Landkreises, die sich angeblich besonders gut mit traumatisierten Kindern auskennt und Frau Schilling, unsere Sachbearbeiterin, die das Gespräch leiten wird.

Wir betreten den Raum und stellen Eileen als unseren Beistand nach § 13 SGB X vor. Frau Schillings Gesichtsausdruck wandelt sich von unbeteiligt zu offen feindselig.

Immerhin dürfen wir alle Platz nehmen. Die anderen Teilnehmer am Gespräch werden uns vorgestellt. Als die Reihe an Eileen ist, begründet sie ihre Anwesenheit:

„Ich bin die stellvertretende Vorsitzende des Pflegeelternvereins. Wir kümmern uns in besonderem Maße um traumatisierte Kinder. Ich sehe meine Aufgabe darin, als neutrale Person meine Erfahrungen einzubringen und vermitteln zu können.“

Frau Schilling setzt ihren bösesten Gesichtsausdruck auf. „Leider kann ich einen Beistand nicht zulassen“, erklärt sie. „Der Kindesvati kann heute nicht dabei sein, er fühlt sich nicht wohl. Wir haben nicht die Zustimmung zur Teilnahme fremder Personen am Hilfeplangespräch. Es ist eine Sache des Schutzes sozialer Daten.“

„Wir weisen darauf hin, dass unser Recht im SGB X festgeschrieben ist“, widerspreche ich. „Wir bestehen auf der Anwesenheit unseres Beistandes.“

„Unter diesen Bedingungen führe ich kein Hilfeplangespräch durch“, insistiert Frau Schilling. Wir sind uns unsicher. Was werden die womöglich ohne unsere Anwesenheit festlegen?

Genau jetzt haben wir einen Fehler gemacht. Wir meinten, keine andere Wahl zu haben. Eileen verlässt den Raum.

Das hätte nicht sein müssen oder dürfen. Erstens unterliegen alle am Hilfeplangespräch Beteiligten der Geheimhaltungspflicht. Es hätte genügt, alle darauf hinzuweisen. Im Zweifel hätte Eileen eine Erklärung zu ihren Pflichten unterschreiben können. Die zweite Möglichkeit wäre gewesen, das Gespräch auf Grund der Nichteinhaltung von Gesetzen abzubrechen und für nichtig zu erklären.

„Wir kommen nun zur Hilfeplanung“, hebt Frau Schilling erneut an. Ich liefere einen Bericht über die Entwicklung der Mädchen ab und geben einen perspektivischen Ausblick. Ich fordere die Einleitung einer Traumatherapie für beide und die rückhaltlose fachliche und finanzielle Unterstützung durch das Jugendamt.

Als nächstes ist Frau Sossna dran. Sie schildert ihre Aktivitäten mit den Kindern wie Hilfe bei den Hausaufgaben und betont ihr gutes Vertrauensverhältnis zu beiden Kindern und ihre Funktion als neutrale Vermittlerin zwischen den Kindern und uns.

Danach hat die Ärztin das Wort.

„Es gibt gute Kliniken, die für Jeannett geeignet wären, sie stationär aufzunehmen. Eine zeitweise Trennung von der Pflegefamilie halte ich auch für angezeigt.“

„Das kommt für uns zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht in Frage“, widerspreche ich. „Jeannett ist stabil, sie hat eine Bindung zu uns aufgebaut. Sie hat uns erklärt, dass sie nichts mehr entwenden wird. Deshalb können wir eine stationäre Aufnahme nicht befürworten.“

„Aber gerade in einer solch stabilen Phase“, argumentiert die Ärztin, „würde eine stationäre Therapie besonders gut greifen.“

„Warum spricht hier eigentlich niemand über Susann, mit der die Schwierigkeiten viel größer sind?“, insistiere ich.

Nun schaltet sich Frau Schilling ein. „Ich habe mit Frau Meyer-Frankenfeldt gesprochen“, beginnt sie zu dozieren. „Sie hält eine Traumatherapie und einen Therapeutenwechsel für eher gefährlich. Schließlich müsste sich Susann auch erst an einen neuen Therapeuten gewöhnen und der Erfolg würde lange auf sich warten lassen. Es würde auch immer nur ein Teil des multiplen Traumas bearbeitet werden können. Susann ist gut aufgehoben in ihrer jetzigen Therapie. Ich sehe keine Notwendigkeit zur Veränderung.“

Gut nachgeplappert, Frau Schilling! Ohne Sachkenntnis, ohne Wissen um die Probleme. „Das ist nicht meine Aufgabe, ich weiß nichts über Psychologie, ich muss mich beraten lassen“ ist die freizügige, entlarvende Antwort. Ich würde es inkompetent und ignorant nennen.

„Aber es gibt schon gute Kliniken, in denen Jeannet gute Fortschritte machen würde“, mischt sich nun der fettleibige Teamleiter ein.

„Ich bleibe bei meiner Einstellung“, werde ich nun schärfer, „und ich werde mich auch jedem Versuch, Jeannett stationär unterzubringen, entgegenstellen. Dort hätte sie Kontakt mit Kindern, die wahrscheinlich wesentlich härter betroffen sind. Die Familie halte ich für die beste Therapie.“

„Leider können wir den Kindesvati nicht nach seiner Ansicht befragen“, bemerkt Frau Schilling weinerlich. Was für ein Glück für uns! Denn der ist sowieso nicht entscheidungsfähig und würde in der hiesigen Situation nur aufgerieben.

Worauf man sich einigt, ist einzig die Fortsetzung der Familienhilfe. Wir widersprechen Jeannets stationären Aufnahme, das Jugendamt verweigert die Traumatherapie. Von „Hilfe“planung kann niemand reden; es ist ein ungleicher Kampf, in dem wir uns einigermaßen geschlagen haben.

Was können wir daraus lernen?

  • Jugendämter sehen Pflegeeltern häufig als ihre Erfüllungsgehilfen.
  • Notfalls werden auch Gesetze verbogen, um Ansprüche der Pflegeeltern abzuwehren.
  • Pflegeeltern werden als fachlich unqualifiziert und inkompetent abgestempelt.
  • Es wird nicht davor zurückgescheut, sich als Jugendamt als inkompetent darzustellen, um kostenintensive Maßnahmen zu verhindern.
  • Es geht nicht um das Kindeswohl, sondern um die Durchsetzung der Vorstellungen des Jugendamtes.
  • Kein Ergebnis ist besser als eins, das Geld kostet und das man nicht haben will.

Dieses Hilfeplangespräch hat uns die Augen geöffnet. Es herrscht offene Feindseligkeit gegenüber uns. Es gibt keine Absicht, mit uns zusammen zu arbeiten. Die Aussperrung unseres Beistandes, der Trägerin der Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland, ist ein Affrond, wie er schlimmer nicht vorstellbar ist. All das zeigt die Ignoranz und Arroganz dieses Amtes gegenüber Pflegeeltern und ihren Interessensvertretern.

Pflegeeltern, die mit derart inkompetenten Ämtern konfrontiert sind, können wir nur raten:

  • Alles, auch die kleinste Angelegenheit schriftlich regeln. Das schafft Rechtssicherheit und beschäftigt die Ämter.
  • Alle Gepräche, auch Telefonate, mitprotokollieren und das auch gegenüber dem Gesprächspartner deutlich machen (das schreib ich mir mal auf…)
  • Hilfeplangespräche gut vorbereiten und versuchen, die Gesprächsführung zu übernehmen, zumindest sicher stellen, dass alle Punkte, die man besprochen haben will, auch wirklich besprochen werden
  • Zusammensetzung der Anwesenden kritisch beurteilen und ggf. kritisieren (z.B.Praktikanten)
  • Deutlich sagen, was man will: „Damit sind wir nicht einverstanden“, „Das kommt für uns nicht in Frage“, „Wir fühlen uns von Ihnen nicht vertreten/ wahrgenommen“, „Das Gesetz sagt da aber etwas anderes“
  • Notfalls das Gespräch platzen lassen, wenn deutlich wird, dass es aus dem Ruder läuft, unter Aufnahme des/der Grundes/Gründe ins Protokoll
  • Hilfepläne und Protokolle genau überprüfen, auf Richtigkeit und Abbildung der Diskussion
  • Ggf. schriftliche Stellungnahme formulieren und Veränderung fordern.

Jede schriftliche Äußerung ist ein Vorgang und wandert in die Akte. Nichtbeachtung ist verwaltungstechnisch gesehen ein Fehler des Sachbearbeiters.

Wir würden uns wünschen, dass Pflegeeltern sich als das sehen, was sie sind: Spezialisten, die die Pflegekinder am besten kennen. Da kann man schon mal auftrumpfen und verlangen, gehört  und beachtet zu werden. Also nur Mut!

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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2 Antworten zu Hilfeplangespräch: Beistandsregelung ausgehebelt

  1. Matthias Piro schreibt:

    Wir leiden mit euch, es tut mir wirklich leid, dass ihr zur Zeit genau so unter dem Jugendamt leidet wie andere Kinder und Pflegefamilien. Hier ist in unserem Land noch sooo viel nachzuholen.

    Übrigens hat uns zumindest in dem Fall unserer eigenen Pflegekinder ein Gespräch mit dem obersten Dienstherrn des Jugendamtes, dem Landrat, weiter geholfen Auch wenn erst mal alle beleidigt waren, geben sie sich jetzt Mühe.

  2. lehrergehrke schreibt:

    Ich muss dazu sagen, dass im Moment in manchen Jugendämtern ein Paradigmenwechsel stattfindet. Es gibt junge, sehr empathische, professionelle Jugendamtsmitarbeiter/-innen. Da vollzieht sich manchmal über Nacht ein Wandel. Deshalb ist es meine letzte Absicht, alles über einen Kamm zu scheren.

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