„Ich bin es nicht wert!“

Traumatisierte Pflegekinder leiden an ständigen Minderwertigkeitskomplexen. Sie haben Jahre lang beigebracht bekommen, dass sie für ihre leiblichen Eltern nichts wert sind, der letzte Dreck. Diese Erfahrung müssen sie in der Pflegefamilie reinszenieren. Heute tut Susann genau das.

Es ist Samstag, ein schöner Sommertag. Eine gute Gelegenheit, ein Terrassenfest zu feiern. Viele Verwandte und Bekannte haben wir eingeladen. Abends wird gegrillt und ein Feuer im Feuerkorb entfacht. Natürlich ist viel zu tun und Jeannett hilft fleißig, die Terrasse zu putzen, den Tisch einzudecken und in der Küche zu helfen.

Susann soll ihr Zimmer aufräumen, die Wäsche aufhängen und sich ansonsten für kleinere Aufgaben zur Verfügung halten. Aber sie tut nichts, sitzt in ihrem Zimmer herum, schaut aus dem Fenster, träumt. Schließlich betrete ich ihr Zimmer.

„Mann, Susann, wie sieht es denn hier aus! Du hast ja gar nichts geschafft! Man sieht ja den Fußboden gar nicht. Bring doch erst einmal die Anziehsachen nach unten an die Waschmaschine“, versuche ich ihr zu helfen.

„Ich denk gar nicht dran“, brüllt sie mich an, „ich will nicht, ich mach nichts, was ihr mir sagt!“ Sie wirft, was auf dem Boden liegt, durch die Tür auf den Flur, tobt und brüllt. „Jeannett ist sowieso immer die Beste“, schreit sie mich an.

Sie tut wirklich alles, um uns zu zeigen, dass sie es nicht wert ist, mit uns zu feiern.

Ich spreche mit Ruth. „Sie wird nicht an unserem Fest teilnehmen“, verkündet sie entscheidungsfest. „Sie hat es nicht verdient.“

Für einen Moment stimme ich Ruth, aus Erregung und Enttäuschung heraus, zu. Aber dann kommen mir Zweifel. „Weißt du“, überlege ich, „Ich glaube das ist es genau, was sie will. Sie will uns zeigen, dass sie es nicht verdient hat, in unsere Familie integriert zu werden. Diesen Triumph will ich ihr nicht lassen.“

„Das kannst du nicht machen“, protestiert Ruth. „Jeannett hat es sich verdient, sie hat gemacht und getan. Aber Susann hat nichts getan, im Gegenteil. Du willst sie jetzt dafür noch belohnen?“

Nein, nein“, wehre ich mich. „Es ist keine Belohnung, und das müssen wir beiden auch sagen. Ich will ihr den Wind aus den Segeln nehmen und ihr keinen Grund geben, uns das Fest kaputt zu machen.“

Ruth resigniert. „Mach was du willst“, antwortet sie, „Aber ich finde es nicht richtig.“

Ich bitte die beiden Kinder an den Küchentisch. Sie wissen, dass ich etwas Wichtiges zu sagen habe.

„Jeder, der Augen im Kopf hat“, beginne ich, „weiß, dass Jeannett sich heute richtig Mühe gegeben hat, uns zu helfen, das Terrassenfest vorzubereiten. Susann, du hast leider nichts geschafft. Eigentlich dürftest du nicht an unserem Fest teilnehmen.“

Susann blickt vor sich nach unten. Sie macht einen traurigen Eindruck.

„Aber wir haben beschlossen, dass du dabei sein kannst. Du weißt, du hast es nicht verdient. Es ist auch keine Belohnung. Trotzdem werden wir dich nicht in dein Zimmer schicken.“

Susann wischt sich einige Tränen von der Wange. Sie scheint verwirrt, kann mit der Entscheidung nichts anfangen.

„Sei doch froh“, schaltet sich Jeannett ein, „du hast es nicht verdient und darfst trotzdem dabei sein. Ich finde das eine ganz tolle Entscheidung von Mama und Papa.“

Susann steht schweigend auf und räumt die von ihr herumgeworfenen Sachen aus dem Flur und in ihr Zimmer. Sie schafft es sogar, etwas Ordnung zu machen. Als die Freunde kommen, isst sie mit vom Gegrillten und zieht sich dann in ihr Zimmer zurück.

Susanns Verhalten ist Teil ihrer Krankheitssymptomatik. Sie kann harmonische Situationen nicht vertragen oder gar genießen; es widerspricht ihren Erfahrungen in frühester Kindheit. Sie steht unter chronischem Stress, den eine oder mehrere Todesnäheerfahrungen hinterlassen haben. Also re-inszeniert sie in ihrer Pflegefamilie Situationen, die sie mit Familie in Verbindung bringt. Dafür zieht sie alle Register. Sie weiß genau, dass ihr Verhalten negative Aufmerksamkeit und Missachtung provoziert, und genau das will sie, um ihre bisherigen Erfahrungen zu bestätigen.

Als jemand, der pädagogisch ausgebildet ist, weiß man: Fehlverhalten muss möglichst unmittelbar sanktioniert werden, damit eine Verhaltensänderung erreicht werden kann. Aber Pädagogik allein reicht beim Verstehen und Beeinflussen traumatisierter Kinder nicht aus. Mitunter muss man alles Gelernte vergessen und genau entgegengesetzt denen und handeln.

In der oben beschriebenen Situation heißt das: Keine Sanktionen, denn Strafen würden genau zu dem vom traumatisierten Kind erwarteten Verhalten gehören und seine frühkindlichen Erfahrungen bestätigen. Traumatisierte Kinder haben nur selten ein Normensystem. Sanktionen, die auf unseren Normen basieren, wären für sie unbegründet, unverständlich und willkürlich, auch, wenn wir sie erklären.

Statt dessen ist ihr Verhalten, entsprechend dem Konzept des „guten Grundes“ für sie schlüssig und zwingend. Sie verhalten sich nicht aus Boshaftigkeit für uns abnorm, sondern weil sie etwas erreichen wollen. Sie wollen immer wieder die frühkindliche soziale Situation re-inszenieren, die ihre Rollenerwartungen erfüllt. Ihr Verhalten ist in ihrer Vergangenheit begründet.

In unserem Fall war die Aussage des Verhaltens des Pflegekindes: „Ich bin nichts wert, ich bin schlecht“. Sanktionen würden diese Aussage bestätigen und das Verhalten verstetigen.

Wir hätten damit genau das Gegenteil davon erreicht, Susann in unsere Familie zu integrieren.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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