Die Operation und die Haftung

Manchmal müssen Pflegekinder aus gesundheitlichen Gründen ins Krankenhaus. Meist bedeutet das einen operativen Eingriff. Für Pflegeeltern bedeutet das, dass sie sich gut absichern müssen, um nicht in die Haftung genommen zu werden, wenn etwas schief geht.

Jeannett muss an den Nasennebenhöhlen operiert werden. Wie haben uns die Genehmigung des Kindesvaters eingeholt, das Jugendamt weiß bescheid. Die Operation kann durchgeführt werden und verläuft positiv. Nach drei Tagen kann Jeannett entlassen werden.

Die Klinik ruft bei mir an, ich könne Jeannett tetzt abholen. Ich fahre hin. Die Ärztin legt mir ein Dokument vor, das so etwas wie eine Haftungsabtretung darstellt. Es könne zu Nachblutungen kommen, die auch lebensgefährlich verlaufen können. In diesem Falle sollte der Patient schnellst möglich wieder die Klinik aufsuchen.

Bei mir schrillen alle Alarmglocken. Ich soll das Kind in meinem eigenen PKW über 50 Kilometer nach Hause transportieren. Was ist, wenn es zu einer Sturzblutung kommt, vielleicht auch als Folge eines Verkehrsunfalles, noch schlimmer, wenn ich ihn verursacht hätte?

Nein, ich kann diese Erklärung nicht unterschreiben, ich habe ja gar nicht das Sorgerecht, aber wäre voll haftbar!

Die Ärztin ist ungehalten.

„Wenn Sie sich weigern, das Kind mitzunehmen, rufe ich jetzt die Polizei, damit sie es in Obhut nimmt.“

Also rufe ich die Krankenkasse an.

„Natürlich können Sie einen Krankenwagen rufen, aber wir übernehmen keine Kosten“, teilt man mir mit. „Das ist bei einem solchen eingriff nicht üblich, es gibt auch keine Indikation für die Notwendigkeit eines Krankentransportes.“

Jeannett bleibt noch eine Nacht im Krankenhaus. Noch einmal wird sie auf die Risiken hin untersucht.

Am Nachmittag rufe ich Frau Schilling vom Jugendamt an.

„Da weiß ich auch nicht, wie zu verfahren ist“, antwortet sie mir. „So einen Fall hatten wir hier noch nicht. Bisher haben die Pflegeeltern einfach die Erklärung unterschrieben. Es ist auch noch nie etwas passiert. Und den Papa erreiche ich so schnell nicht.“

„Was soll denn jetzt passieren?“, fasse ich nach.

„Unterschreiben Sie einfach und holen das Kind ab“, rät sie mir.

„Das werde ich nur tun, wenn Sie bereit sind, das Risiko zu übernehmen und mir das jetzt erklären“, bestehe ich.

„Wenn Sie nicht unterschreiben, muss ich das Kind in Obhut nehmen“, droht sie mir.

Das werde ich nicht zulassen. Es steht zu erwarten, dass Jeannett dann nicht mehr zu uns zurück kommt und wir Susann womöglich auch verlieren. Nur wegen eines solch offensichtlichen Kompetenzgerangels werde ich die Pflegschaft nicht gefährden. Das kann ich Jeannett und Susann nicht antun. Also nehme ich das Risiko hin. Sollte etwas passieren, kann ich nachweisen, dass ich das Jugendamt informiert habe und mir Rat geholt habe. Rechtsfest ist dieses Vorgehen allerdings nicht.

„Dann notiere ich mir jetzt, dass ich nach Rücksprache mit Ihnen das Kind im eigenen PKW vom Krankenhaus abhole und an unseren Wohnort transportiere“, versuche ich mich zu vergewissern.

„Das ist wohl das Beste“, bemerkt Frau Schilling, „Wir wollen doch aus einer solch harmlosen Entscheidung kein riesiges Problem machen.“

Es ist gut gegangen. Aber es erschüttert mich, auf welche Weise man den Pflegeeltern die Verantwortung zuschiebt, wenn man nicht mehr weiter weiß. Überhaupt wissen Ärzte, Ämter und Schulen viel zu wenig über die rechtlichen Bedingungen, unter denen Pflegeeltern arbeiten und Entscheidungen treffen.

Für Pflegeeltern, die nicht das Sorgerecht für ihre Pflegekinder haben, also nicht durch das Familiengericht zur Einzelvormungschaft oder Ergänzungspflege für einen Teilbereich der Sorge bestallt worden sind, gilt:

Sie dürfen nur in Angelegenheiten des täglichen Lebens entscheiden. Zustimmung zu Operationen und Übernahme von Risiken durch Unterschrift sind „Angelegenheiten von erheblicher Bedeutung“ und müssen vom Sorgeberechtigten entschieden und genehmigt werden.

Auch Pflegeeltern, die eine Bevollmächtigung des Sorgeberechtigten zu verschiedenen Teilen des Sorgerechtes besitzen, sollten bei der Gesundheitssorge sehr vorsichtig sein. Im Zweifelsfall, wenn es zu einer Schadensersatzforderung aus schuldhaftem Verhalten kommt, nutzt eine Bevollmächtigung nur sehr wenig. Häufig wird sie von Ärzten auch nicht anerkannt.

Die meisten Ärzte kennen sich mit dem Sorgerecht für Pflegekinder nicht aus. Jedes Amt, jeder Arzt wird immer versuchen, ein Haftungsrisiko für sich selbst auszuschließen und den Pflegeeltern die Verantwortung zuzuschieben. Deshalb lohnt es sich schon, genau hinzusehen, ob das Risiko, das einem da übergeholfen wird, auch wirklich tragen kann und es so gering wie möglich zu halten.

Pflegeeltern stehen immer mit einem Bein im Gefängnis.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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