Die große Schwindelei – und ein großes Versprechen

Pflegeeltern leisten etwas, was niemand sonst für Pflegekinder tun können: Außer sie zu kleiden, ihnen satt zu essen zu geben und ihnen Unterkunft zu gewähren, zeigen sie ihnen Grundsätze auf, nach denen das Leben funktioniert. Einer dieser Grundsätze ist es, nach Möglichkeit die Wahrheit zu sagen.

Wir sitzen am Abendbrottisch. Jeannett rutscht unruhig auf ihrem Stuhl herum. Etwas sagt mir: Da stimmt etwas nicht. Zum Vorschein kommen zwei Fingerringe.

„Woher kommen die denn?“, frage ich, etwas verdutzt.

„Die habe ich von einer Freundin“, antwortet Jeannett unsicher.

„Von welcher Freundin denn?“, fragt Ruth.

Schweigen.

Dann ein weiterer Erklärungsversuch. „Susann hat sie mir gegeben.“

Wir schicken Susann nach draußen.

„Stimmt das wirklich?“, fragt Ruth misstrauisch, als Susann die Küche verlassen hat.

„Ja“, antwortet Jeannett kleinlaut, „aber ich weiß nicht, woher sie sie hat. Ich sollte sie für sie aufbewahren.“

„Also sind es Susanns“, erkundige ich mich nochmals.

„Ja“, bestätigt Jeannett.

Dann schicken wir Jeannett nach draußen und holen Susann herein.

„Jeannett hat uns eben erzählt, die Ringe wären deine“, konfrontiere ich sie mit unserer Erkenntnis.

„Stimmt“, gibt sie kleinlaut zu.

„Und woher hast du sie?“, will ich wissen.

„Gekauft“, antwortet sie kurz.

„Wo und wovon?“, schaltet sich Ruth ein.

„Ich habe fünf Euro aus Papas Portemonnaie genommen und das Geld am Bahnhof gewechselt. Dann habe ich die Ringe aus dem Automaten gekauft.“

„Ich will das Geld wiederhaben“, bestehe ich. „Das will ich von deinem nächsten Taschengeld.“

Susann nickt schweigend.

Dann sprechen wir mit beiden Kindern. Wir sagen ihnen, was sie auch schon wissen, nämlich, wie es wirklich war.

Jeannett bekommt plötzlch einen milden Gesichtsausdruck. Sie blickt uns wechselseitig tief in die Augen.

„Ihr habt Recht. Ich habe gelogen, um Susann zu schützen. Es tut mir leid.“

Am nächsten Tag bringt Jeannett ein Bild von sich mit, das in der Schule aufgenommen wurde. Es ist gefasst in einen wunderhübschen Rahmen, den sie selbst angemalt hat. In einem Moment, als sie mit Ruth allein ist, übergibt sie ihr das Geschenk.

„Das ist für einen neuen Anfang“, verspricht sie. „Ich will nicht mehr stehlen und lügen. Solltest du mich dabei erwischen, möchte ich, dass du mir das Bild zurück gibst.“

Was für eine Geste! Fast theatralisch inszeniert, aber absolut ehrlich gemeint. Ruth ist gerührt. Das Versprechen, das sie so abgegeben hat, soll viele Jahre halten.

Was wohl in diesen Kindern vorgehen mag. Jeannett als ehemaliges Versorgerkind hat den Drang, ihre Schester in allen Situationen zu schützen, als müsse sie vor der bösen Welt schützen. Susann scheint sich ihrer Handlungen gar nicht bewusst zu sein. Aber Jeannett will sich offensichtlich aus dieser Rolle lösen, will auf eigenen Füßen stehen.

Es bahnt sich eine neue Situation an. Sicher muss Susann nun auch ihre Rolle finden, muss damit leben, dass ihr Verhalten nun von niemandem in der Familie mehr akzeptiert wird. Wir müssen abwarten, was sich daraus ergibt.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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