Das Gericht entscheidet

Es ist manchmal nötig, dass Konflikte mit der Hilfe eines Gerichtes durch einen Urteilsspruch entschieden werden müssen. Pflegeeltern kennen sich meist damit aus, um ihre Pflegekinder zu schützen. Aber viele gerichtliche Auseinandersetzungen wären auch vermeidbar, wenn alle Seiten die Bereitschaft hätten, sich zu einigen.

Nachdem unsere Pflegekinder sich geweigert hatten, ihren Vater zu besuchen, war die Gegenseite nicht untätig. Es dauert nicht lange und wir haben eine Vorladung eines Berliner Familiengerichtes. Der Kindesvater versucht nun, sein Besuchsrecht einzuklagen.

Also machen wir uns erneut auf den Weg nach Berlin. Schwägerin Sarah hat sich bereit erklärt, mit zu fahren, um für die Kinder da zu sein. Vor dem Verhandlungstermin, der zum Glück erst gegen Mittag stattfindet, werden wir unsere Anwältin treffen, die uns vertreten soll. Sie kennt sich im Pflegekinderwesen aus.

„Papa, was ist das, ein Gericht?“, fragt Susann mich während der Autofahrt.

„Es ist ein Gebäude, das aus vielen Räumen besteht“, erkläre ich. „In jedem Raum sitzt ein Richter. Er lässt alle Leute, die etwas beobachtet haben oder in einem Streitfall etwas Wichtiges zu sagen haben, nacheinander in diesen Raum kommen und hört sich an, was sie zu sagen haben. Wenn er sich alles angehört hat, fällt er ein Urteil. Danach müssen sich dann alle richten.“

„Unser Vater ist damals verurteilt worden, wegen Mama“, bemerkt Jeannett. „Dann hat er eine Strafe bekommen.“

„Wird er jetzt wieder verurteilt?“, fragt Susann bange.

„Nein, das ist etwas anderes“, erkläre ich. „Die Richerin hört sich auch alles an. Sie wird mit euch alleine sprechen. Dann wird sie festlegen, wie alles weiter geht, also ob ihr euren Vater besuchen müsst.“

Nach stundenlanger Fahrt kommen wir an. Wie durch ein Wunder finden wir einen Parkplatz.In der Nähe befindet sich ein kleines Restaurant, in dem wir uns mit unserer Anwältin treffen.

„Ihr seid also Jeannett und Susann“, begrüßt sie die Kinder feundlich. Wir setzen uns und bestellen Kaffee und Schokolade für die Kinder.

„Ich kann verstehen, dass ihr euren Vater nicht alleine besuchen wollt“, unterstützt sie die Kinder. „Wir versuchen jetzt, dass ihr ihn auch nicht besuchen müsst, wenn ihr nicht wollt.“

„Müssen wir auch vor allen erklären, dass wir das nicht wollen?“, sorgt sich Jeannett. „Ich hab irgendwie Angst davor.“

Die Anwältin beruhigt die Kinder. „Nein, das müsst ihr nicht. Wir setzen uns alleine mit der Richterin in einen Raum und ihr könnt dann alles erzählen, wie ihr wollt. Niemand sonst wird dabei sein.“

Die Kinder blicken erleichtert.

Wir machen uns auf den Weg zum Gericht. Die Kinder sind beeindruckt von dem wuchtigen Portal und der riesigen Freitreppe, die in die Vorhalle führt. Eingang ist nur durch eine Sicherheitskontrolle möglich. Alle werden auf Metallgegenstände durchsucht und müssen ihre Taschen ausleeren.

Dann erklimmen wir die Treppe zu unserem Gerichtssaal in der ersten Etage. Vor dem Saal sitzen bereits der Kindesvater und sein Anwalt. Er würdigt weder uns noch die Kinder eines Blickes. Auch Frau Schilling ist bereits da. Sie begrüßt uns verhalten und emotionslos.

Nach ein paar Minuten ruft der Gerichtsdiener alle Beteiligten in den Gerichtssaal. Die Kinder bleiben mit Sarah draußen. Die Parteien nehmen an gegenüberliegend schräg zum Richtertisch ausgerichteten Tischen Platz. Frau Schilling weigert sich, sich an unseren Tisch zu setzen. Sie organisiert sich einen Stuhl und setzt sich hinter die Parteien, ganz an das Ende des Saales.

Der Anwalt des Kindesvaters formuliert seinen Antrag. Er will monatliches Besuchsrecht seiner Kinder im Haushalt des Kindesvaters und darüber hinaus in den Schulferien.

„Es geht nicht an, dass die Pflegeeltern die Kinder meines Mandanten ständig und gezielt dahingehend beeinflussen, sich Besuchskontakten zu verweigern“, beschuldigt er uns lautstark, begleitet von verächtlichen Blicken in unsere Richtung. „Mein Mandant hat das Recht auf Besuchskontakte und darauf, dass diese auch wirklich stattfinden und von den Pflegeeltern unterstützt werden. Statt dessen haben sie in einen Besuchskontakt eingegriffen und ihn eigenmächtig beendet.“

Mein Herz pocht bis zum Hals, ich setze an „Kei…“, als mich unsere Anwältin am Arm nimmt, um mich zu beruhigen. Dann beginnt sie in ruhigem Ton, zum Richtertisch zugewandt.

„Bei diesem Vorfall war es so, dass die Kinder ihre Pflegeeltern darum baten, abgeholt zu werden. Der Kindesvater war zu dem Zeitpunkt, als die Kinder meiner Mandantschaft die Tür öffnete, nicht zugegen und es war auch nicht absehbar, wann sich diese Situation ändern würde“, beschreibt sie. Die Richterin macht ein nachdenkliches Gesicht.

„Deshalb plädiere ich dafür, die Besuchskontakte bis auf Weiteres auszusetzen oder sie zumindest in Begleitung der Pflegeeltern stattfinden zu lassen.“

Der Kindesvater schäumt. „Nie, nie, dit wird nie passiern!“ Sein Anwalt hat alle Mühe, ihn zu beruhigen.

„Welche Position vertritt das Jugendamt in dieser Sache?“ erkundigt sich die Richterin.

„Wir sind immer darum bemüht, die Gesetzeslage umzusetzen“, nimmt Frau Schilling leise und scharf Stellung. „Wir erwarten von unseren Pflegeeltern, dass sie uns in diesem Bemühen folgen.“

„Und haben Sie die Kinder zu diesem Thema befragt?“, will die Richterin wissen.

„Es gab keinen Anlass“, gibt Frau Schilling zurück. „Wir hatten das Gesetz umzusetzen. Die Pflegeeltern waren dabei nicht sehr hilfreich.“

„Ist es nicht so, dass Sie versucht haben, die Kinder gegen ihren Willen und unter Anwendung von Gewalt zu einem Umgangskontakt zu zwingen?“, schaltet sich jetzt unsere Anwältin ein.

„Wir haben die Pflicht, die gesetzlichen Vorgaben durchzusetzen. Wenn die Pflegeeltern uns dabei nicht unterstützen, müssen wir die Kinder auf andere Weise motivieren und überzeugen“, beharrt Frau Schilling.

„Wie sah denn diese Überzeugung aus?“, erkundigt sich die Richterin.

„Ich habe versucht, gemeinsam mit einer Kollegin die Kinder dazu zu bewegen, in den Dienstwagen einzusteigen.“

„Was Ihnen nicht geglückt ist, weil sich die Kinder Ihren Griffen entwanden und sich in ihren Zimmern versteckten“, wirft unsere Anwältin ein.

Die Richterin bleibt für einige Sekunden nachdenklich.

„Dann werde ich jetzt die Kinder befragen“, entscheidet die Richterin. „Alle Parteien außer der Anwältin der Beklagten verlassen jetzt bitte den Raum.“

Nach 20 Minuten werden alle wieder herein gebeten.

„Meine Befragung hat ergeben“, beginnt die Richterin, „dass die Kinder zur Zeit sich nicht vorstellen können, Umgangskontakte im Haushalt des Kindesvaters stattfinden zu lassen, insbesondere nicht mit Übernachtungen. Sie wollen, das haben sie ausdrücklich betont, diese Entscheidung nicht als Angriff auf ihren Vater gewertet wissen, sondern können sich anders gestaltete Kontakte durchaus vorstellen.“

Sie wendet sich an den Kindesvater. „Ich denke, Sie haben da noch etwas zu verbessern, was die kindgerechte Ausgestaltung ihres Haushaltes angeht und auch ihr Verhalten bei Umgangskontakten in Ihrem Haushalt stärker auf die Kinder abzustimmen.“

Und uns zugewendet: „Für Sie als Pflegeeltern bedeutet das, Umgangskontakte zuzulassen und aktiv mitzugestalten. Das wird in Zukunft Ihre Aufgabe sein.“

Dann folgt der Spruch.

„Das Gericht sieht die Wahrung des Kindeswohls in dem vorliegenden Fall als übergeordnetes Prinzip an. Der Wille der Kinder ist klar zu Ausdruck gekommen, aber auch die Rechte des Klägers sind in angemessenem Maße zu berücksichtigen. Deshalb sieht das Gericht Übernachtungsbesuche der Kinder als zur Zeit nicht durchführbar und sinnvoll an. Es gibt dem Jugendamt auf, Umgangskontakte so zu gestalten, dass der Kindeswille Berücksichtigung findet und die Pflegeeltern angemessen mit einzubeziehen. Angesichts der jetzt zugespitzten Situation hält das Gericht eine Aussetzung der Umgangskontakte für mindestens ein halbes Jahr für erforderlich. Danach können Umgangskontakte sukzessive aufgebaut werden. Sollten die Kinder sich Umgangskontakte wünschen, so ist ihrem Wunsch in angemessener Weise nachzukommen. Ich schließe hiermit die Sitzung.“

Die Türen werden geöffnet, die Beteiligten verlassen den Raum. Der Kindesvater stürzt mit seinem Anwalt aus dem Gebäude, ohne von uns oder seinen Kindern Notiz zu nehmen, geschweige denn sich zu verabschieden.

„Das ist doch ein gutes Ergebnis“, muntert uns unsere Anwältin auf. „Das Jugendamt hat konkrete Auflagen bekommen und der Umgang ist erst einmal vom Tisch. Ich glaube, wir können zufrieden sein.“

Ist dieser Urteilsspruch wirklich ein gutes Ergebnis? sicher, wir haben eine Schonfrist bekommen. Aber tatsächlich sind unsere Kinder durch ihren leiblichen Vater stark traumatisiert worden. Die Wiederbegegnung mit ihm in der Vergangenheit und der Zukunft wird die Wunden immer wieder aufreißen. Eine traumatherapeutische Begleitung halten wir für unumgänglich. Auch der Kindesvater müsste als Auflage bekommen, sich in therapeutische Behandlung zu begeben, um seine Schuld anzuerkennen und aufzuarbeiten. Statt dessen ist der der Ansicht, er hätte die Strafe verbüßt und nun sei alles wieder in Ordnung. Einen Einstellung, die den Kindern nur Schaden zufügen kann.

Gewiss, das Ergebnis hätte schlimmer ausfallen können. Das Gericht hätte Umgangskontakte anordnen können, ohne Rücksicht auf die Folgen, und wir wären gezwungen gewesen, diese zu unterstützen. Das ist uns erspart geblieben.

Nach diesem anstrengenden Nachmittag müssen wir uns und den Kindern etwas Gutes tun. Wir suchen uns eine Eisdiele am Stadtrand und lassen es uns gut gehen.

„Ich bin froh darüber, dass wir jetzt nicht mehr nach Berlin fahren müssen“, zeigt Jeannett ihre Erleichterung. „Ihr seid unsere Eltern. Und so soll es auch bleiben. Wenn wir wollen, können wir unseren Vater besuchen. Das ist doch gut.“

Die Kinder kuscheln sich an uns. Später im Auto während der Rückfahrt schlafen beide friedlich auf ihren Sitzen.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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