Kein Pardon?

Wenn Pflegeeltern ihren traumatisierten Pflegekindern helfen wollen, scheint das zu viel gefordert zu sein. Denn damit kommen sie über kurz oder lang mit dem Jugendamt in Konflikt, insbesondere, wenn dieses Gesetze umsetzen und sich selbst nicht in die Auseinandersetzung begeben will. Dann wird es auch schon mal gewalttätig.

Heute sind vier Wochen vergangen und der nächste Umgangstermin ist heran. Seit wir versucht haben, Jeannett und Susann darauf vorzubereiten, haben wir nur Schweigen geerntet. Sie weigern sich einfach, darüber zu sprechen oder bloß darüber nachzudenken. Die Situation, dass sie vom Jugendamt abgeholt und in einen Zug gesetzt werden könnten, ist für sie nicht vorstellbar und deshalb nicht existent. Sie erwarten von uns, dass wir sie beschützen, auf sie aufpassen, in ihrer Nähe sind.

Ein Kleinwagen des Landkreises fährt vor unserem Haus vor. Frau Schilling und eine weitere Sachbearbeiterin steigen aus. Sie klingeln an der Tür. Ich öffne. Jeannett und Susann sitzen am Frühstückstisch.

„So“, grinst sie die beiden an, „wir fahren jetzt zusammen zum Bahnhof, damit ihr euren Papa besuchen könnt.“

Die Köfferchen stehen an der Eingangstür mit Waschzeug und Kleidung für den Aufenthalt.

Die Kinder blicken nicht auf. Sie nehmen Frau Schilling und ihre Begleiterin nicht wahr. Jeannett hat ihre Fäuste wieder ins Gesicht gepresst, Susann blickt vor sich hinunter.

„Wollt ihr denn gar nicht mitkommen? Eure Pflegeeltern wollen das bestimmt auch“ spricht sie und sieht uns dabei tief in die Augen, als wollte sie sagen: „Nun sagen Sie doch auch was!“ Aber wir schweigen. Wir werden uns nicht gegen unsere Überzeugung benutzen lassen.

„Kommt jetzt, macht nicht so einen Zirkus“, sagt sie scharf und ergreift blitzschnell die Hände der Kinder. Sie zieht sie nach oben und jede der Amtspersonen schlingt einen Arm um eines der Kinder, so dass sie sich nicht bewegen können.

Jetzt zerren sie sie aus der Küche zum Eingang, aus dem Haus heraus in Richtung Auto. Die Kinder schreien und kreischen.

„Wir wollen da nie wieder hin! Laßt uns los! Wir hassen euch!“

Frau Schillig zischt uns an. „So tun Sie doch was! Unterstützen Sie uns!“

Blitzschnell entwenden sich beide Kinder aus dem Griff der beiden Frauen und stürzen ins Haus hinein, in ihre Zimmer, verschließen die Türen. In uns kocht es vor Wut. Frau Schilling blickt uns streng und voller Hass an.

„So etwas habe ich noch nicht erlebt“, fährt sie uns an. „Sie werden die Konsequenzen zu tragen haben. Sie haben die Kinder wieder einmal ganz geschickt in Ihrem Sinne beeinflusst. So was tun sie nicht von sich aus. Das muss abgesprochen gewesen sein.“

Die Damen stürmen ins Auto. Klank, klank fallen die Türen in die Schlösser, der Motor heult auf. Sie sind verschwunden.

Wir betreten das Haus und setzen uns an den Küchentisch, die Köpfe gesenkt. Schritte vor der Tür. Ein leises Klopfen.

„Kommt herein, ihr beiden“ lädt Ruth sie mit tränenerstickter Stimme ein. Beide setzen sich auf ihre Plätze.

„Sind sie weg?“ fragt Susann leise. „Ja, sie sind weg“, antwortet Ruth ruhig. „Alles ist vorbei, alles wird gut.“

„Wir wollen nicht von euch weg, wir wollen nicht nach Berlin!“ Jeannett steht auf und kuschelt sich an Ruth. „Wir wollen nicht da hin“, bekräftigt Susann und kuschelt sich an mich.

„Warum habt ihr uns nicht geholfen?“, will Jeannett wissen. Es kling nicht vorwurfsvoll, sondern eher traurig.

„Frau Schilling hat es nicht zugelassen“, versucht Ruth zu erklären. „Sie wollte sogar, dass wir ihr helfen.“

„Was, ihr helfen?“, fragt Jeannett ungläubig. „Ist die gemein!“

Wir verbringen einen schönen, ruhigen Abend, wie anständige Eltern das mit ihren Kindern tun. Dann gehen wir zu Bett.

Was heute passiert ist, haben wir nie erwartet. Es ist nicht vorstellbar, aber es passiert. Das Amt hat Recht und versucht es durchzusetzen, offensichtlich mit allen Mitteln. Das Kindeswohl zählt dabei nicht, es darf sogar beschädigt werden. Dabei sind die Pflegeeltern die Bösen, die die Kinder gegen die leiblichen Eltern beeinflussen.

Diese Geschichte ist noch nicht zuende. Wer weiß, was sich Frau Schilling nun ausdenkt. Es beeinflusst die Stimmung in unserer Familie. Ab jetzt stehen wir ständig unter Spannung. Das wird sich negativ auf die Kinder auswirken. Sie sind verunsichert, haben keine Kontinuität in ihrem Leben mehr. Als ob es nicht genügte, dass sie schon in ihrer Kindheit verletzt worden wären und daran zu tragen haben.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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