Jugendamtsschelte

Uns scheint, als wären Pflegeeltern traumatisierter Pflegekinder nichts weiter als der verlängerte Arm des Jugendamtes. Was das Amt befiehlt, muss ausgeführt werden, koste es, was es wolle, auch das Wohl der Pflegekinder.

Frau Schilling, die Jugendamts-Sachbearbeiterin, hat uns zu einem Termin vorgeladen.

„Sie haben sich völlig ins Unrecht gesetzt“, kommentiert sie unverblümt unser Handeln anlässlich des Umgangskontaktes beim Kindesvater in Berlin. „Ihr Verhalten war unbegründet und unprofessionell.“

„Ich kann nicht erkennen, dass wir in irgend einer Weise etwas Unrechtes getan hätten“, schieße ich zurück. „Die Kinder waren in einem vernachlässigten Haushalt, kein Erwachsener war da, es stank nach Rauch und Alkohol. die Kinder waren verängstigt und haben uns um Hilfe gebeten. Was hätten wir tun sollen?“

„Sie hätten die Kinder beruhigen müssen, ihnen Mut zusprechen, sie von der Notwendigkeit des Besuches überzeugen müssen. Statt dessen haben Sie ihre Furcht noch bestärkt, den Papa in das Licht eines unfähigen, vernachlässigenden Unmenschen gesetzt.“

„Das ist er auch. Er ist der jenige, der die Kinder jahrelang traumatisiert hat“, begründe ich.

„Sie haben völlig überreagiert“, wirft uns die Sachbearbeiterin vor.

„Sie hätten das mal sehen müssen“, schaltet sich Ruth nun ein, „die Kleidung überall verstreut, die Kinder verstört und ohne Aufsicht in der Wohnung, die Bier- und Schnapsflaschen und -gläser, wir konnten die Kinder dort nicht lassen!“

„Als ich neulich beim Hausbesuch bei Ihnen war“, gibt sie leise, aber scharf zurück, „habe ich da bei Ihnen nicht auch eine Weinflasche im Wohnzimmer gesehen? Und rauchen tun sie doch auch?“

„Aber doch nicht im Haus!“, ereifert sich Ruth.

„Sie sollten andere nicht verurteilen“, belehrt uns Frau Schilling. „Das wird schon alles. Der Papa bemüht sich, sein Leben in den Griff zu bekommen. Wir müssen ihm bloß eine Chance geben.“

Ein Moment Stille.

„Sie haben sich ins Unrecht gesetzt“, hebt sie wieder an. „Das kann Ihnen als Kindesentführung ausgelegt werden. Zumindest haben Sie es nicht geschafft, diesen Besuchskontakt so zu gestalten, wie man das von Ihnen als Pflegeeltern erwartet. Sie haben versagt. Damit haben Sie auch unserem Amt geschadet.“

„Das ist doch wohl…“, beginnt Ruth sich zu ereifern.

„Komm, es ist zwecklos“, versuche ich Ruth zu beruhigen.

„Sie brauchen sich gar nicht aufzuregen“, wendet sich Frau Schilling an Ruth, „der Papa hat das Sorgerecht. Er kann bestimmen und er hat das Recht auf uneingeschränkten Umgang.“

Es hat keinen Zweck, zu argumentieren. Sie sitzt am lägeren Hebel. Das lässt sie uns jetzt spüren.

„Ich muss Ihnen sagen, dass es ab jetzt keinen Umgang mehr geben wird, an dem Sie teilnehmen“, kündigt sie uns an. „Wir werden das jetzt amtsseitig regeln. In vier Wochen ist der nächste Umgang. An diesem Termin werden wir die Kinder bei Ihnen abholen und zum Zug bringen.“

Ruth wischt sich die Tränen aus dem Gesicht. In mir kocht es. Ich ahne Schreckliches. Was sind das für Menschen, die nicht erkennen, wenn es Kindern schlecht geht, die nichts wahr haben wollen, die stattdessen die jenigen, die alles für diese geschundenen Kreaturen tun, auch noch dafür kritisieren und beschimpfen? Dürfen Pflegeeltern nicht auch mal ganz normale Menschen sein? Müssen sie sein wie die Heiligen, die keine Gewohnheiten haben, keinen eigenen Lebensstil? Unangreifbar, immer einen Heiligenschein tragend?

Ich gebe zu, wir sind nicht unparteiisch, wie es das Jugendamt von uns verlangt. Wir sind Partei, vertreten die Interessen unserer Pflegekinder. Mit dieser Tatsache kommt Frau Schilling nicht klar.

Wir sind traurig, entsetzt, wütend. Wir wissen nicht, wo das alles hinführen soll. Und wir ahnen Schreckliches. Wenn wir nicht vor Ort sind, wer soll den Kindern helfen, wenn es ihnen schlecht geht?

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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2 Antworten zu Jugendamtsschelte

  1. LadySolana schreibt:

    Der Letzte Umgang war eine Katastrophe, allerdings ist euer Wille jeden Umgang zu verhindern auch nicht zum Wohle der Kinder.
    Längst ist erwiesen das Kinder für ihre eigene Identität wissen müssen woher sie kommen, sie müssen auch die Chance zu haben sich aus den Fehlern der Herkunft zu entwickeln in dem sie die Chance haben immer wieder einen Blick in diese zerstörte Welt zu werfen, vorausgesetzt das die Pflegefamilie stabil ist und den nötigen Halt bieten kann. Nur so können die Kinder sich anders als ihre Eltern entwickeln, sonst werden sie mit einsetzen der Teenagerjahre sich immer mehr ihren Herkunftseltern angleichen.

    • lehrergehrke schreibt:

      Ja, LadySolana, im günstigen Fall ist das so. Es kann aber auch sein, dass sich daraus ein Loyalitätskonflikt entwickelt. Das ist immer dann so, wenn die Herkunftsfamilie nicht akzeptieren kann, dass die Pflegefamilie auch eine Rolle spielt und statt dessen immer wieder einen Besitzanspruch auf die Kinder geltend macht. Irgend wann müssen die Kinder ja doch auf eigenen Füßen stehen. Warum sollen sie sich zwischen Herkunftsfamilie und Pflegefamilie entscheiden müssen, anstatt beide als Teil ihres Lebens zu akzeptieren?

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