Chaotischer Besuchskontakt

Wer schützt traumatisierte Pflegekinder, wenn nicht ihre Pflegeeltern? Sie haben die Aufgabe, ihre ihnen anvertrauten Kinder vor Retraumatisierungen, Mobbing und schlechten Einflüssen zu schützen, das ist unsere Meinung und Grundlage für unser Handeln. Manchmal, so scheint es, muss man sie auch vor dem Jugendamt und ihren leiblichen Eltern schützen.

Wieder ruft Frau Schilling, unsere Jugendamts-Sachbearbeiterin an. Sie will sich nach dem Verlauf des Umgangskontaktes, der kürzlich stattgefunden hat, erkundigen. Ich berichte über unsere Erfahrungen und unsere Vorbehalte gegen weitere Umgangskontakte. Aber Frau Schilling bleibt unbeeindruckt.

„Wir müssen auf Besuchskontakten einmal im Monat bestehen“, lautet ihre unumstößliche Anweisung. „Am besten am ersten Wochenende eines jeden Monats. Es wird eine Übernachtung geben.“

Ich weiß, dass ich mich nicht wehren kann, wenn ich nicht will, dass die Kinder vom Jugendamt abgeholt werden. Also versuche ich einen Kompromiss.

„Wir möchten den Kindern doch ermöglichen, dass sie sich an die neue Situation gewöhnen“, argumentiere ich. „Wir wären bereit, sie zum Besuchskontakt zu bringen und auch wieder abzuholen.“

„Aber der Papa wohnt in Berlin“, wendet Frau Schilling ein. „Wir würden die Fahrtkosten übernehmen, aber keine Übernachtungskosten.“

Na immerhin. Alles andere kriegen wir auch schon hin. Es gibt keine andere Möglichkeit und wir werden die Kinder keinesfalls auf die Bahn setzen und zwei lange Tage darauf warten, was sich zuträgt. Wir wollen vor Ort sein.

Es ist ein schöner Samstag im April. Wir haben den Kindern gesagt, dass wir nach Berlin fahren und sie bei ihrem leiblichen Vater übernachten werden. Wir haben ihnen auch gesagt, dass wir in der Nähe sind und sie mit einem Handy ausgestattet. Darauf sind sie besonders stolz. Unsere Handynummern haben wir eingespeichert. Für uns ist es wie eine generalstabsmäßig geplante Aktion. Für die Kinder ist es nur ein weiterer Ausflug. Aber sie wissen, dass wir in der Nähe sind und sie uns jederzeit erreichen können.

Nach fast dreistündiger Fahrt treffen wir in Berlin ein. Unser Navi führt uns über großzügige, alleeartige Straßen nach Neukölln, wo der Kindesvater wohnt. Unweit des S-Bahnhofes Neukölln biegen wir nach links in die Zeitzer Straße, rechts in die Braunschwieger Straße und gleich danach wieder nach links in die Richardstraße ein. Wenige Bäume stehen am Straßenrand, große, alte Mietshäuser machen die Straße zur Schlucht. Parkplätze gibt es kaum. Wir finden den Namen des Kindesvaters an einem Klingelbrett. „Seitenflügel links“ ist es überschrieben.

„Ja“ tönt eine Männerstimme aus der Wechselsprechanlage. „Die Pflegeeltern mit Jeannett und Susann“, kündige ich an. Der Summer ertönt. Wir drücken gegen die schwere hölzerne Tür. Den Kindern steht die Verunsicherung ins Gesicht geschrieben. Sie tragen jede ein Köfferchen. Wir passieren eine Toreinfahrt, die uns in einen tristen Hinterhof führt. Rechts und links des Hofes stehen weitere, große Wohnhäuser.

Die Tür zum Treppenhaus lässt sich schwer öffnen. Die Briefkästen sind verklebt, aufgebrochen, manche namenlos, einige voller Werbezeitschriften und Briefen. Wir erklimmen die Treppe bis ins zweite Geschoss. Es riecht nach Essen und Zigarettenrauch. Laute Musik tönt aus den Wohnungen, eine Mischung orientalischer und deutschtümelnder Schlagerklänge.

Die Klingel mit dem Namensschild des Kindesvaters funktioniert nicht. Wir klopfen. Er öffnet.

„Ah, det is aber schön, dit ihr da seid“, begrüßt er die Kinder, uns keines Blickes würdigend. „Denn kommt ma rin. Et jibt Kakau und Kekse.“

Wir müssen leider draußen warten.

Also schleichen wir uns nach draußen auf die Straße. „Komm“, sage ich zu Ruth, „lass uns mal die Gegend ansehen.“ Wir biegen nach rechts in die Straße ab. Vor uns öffnet sich ein Platz, mit Bänken und typisch Berliner Schwengelpumpe. Kinder tollen auf dem kleinen Spielplatz herum. Menschen, deren Bekanntschaft ich lieber nicht machen möchte, sitzen auf den Bänken, Bierflaschen und Zigaretten in den Händen, laut diskutierend, manchmal blökend wie die Schafe. Südländisch gekleidete Frauen mit Kopftüchern schieben ihr Kinderwagen vorbei, im Gefolge eine Horde von Kindern. Es ist so fremd. So unwirklich. Wie sollen unsere Kinder damit klar kommen?

Nachdem wir den Platz mit einigen freundlichen Restaurants umrundet haben, voller neuer Eindrücke, beschließen wir, noch etwas fürs Abendessen einzukaufen und lassen uns von unserem Navi zu unserem Hotel führen, in dem wir ein Familienzimmer gebucht haben. Es liegt südlich außerhalb der Stadt, in einem Gewerbegebiet nahe des südlichen Berliner Ringes. Eines dieser Hotels, in das man selbst mit der Kreditkarte eincheckt. Wir machen es uns gemütlich und erwarten einen geruhsamen Abend mit Kartenspiel und Abendspaziergang.

Es ist Mitternacht. Wir machen uns langsam bettffertig. Da klingelt mein Handy. Es ist Jeannett.

„Papa, hol uns hier raus. Niemand ist hier, überall laute Musik, unser Vater und seine Frau sind nicht da, überall stinkt es. Kommst du uns abholen? Bitte!!!“ Sie klingt richtig verzweifelt. Wir müssen reagieren.

„Wir kommen. Ruf uns an, wenn dein Vater wieder da ist.“

In die Sachen, ins Auto, mit Tempo durch die nächtlichen Straßen, in die noch sehr belebte Richardstraße. Kein Anruf. Wir rufen das Handy der Kinder an.

„Wo seid ihr?“ erkundigt sie sich.

„Vor der Tür.“

„Ich lass euch rein.“ Der Summer summt, wir durchmessen den Hinterhof, hetzen die Treppen hinauf. Jeannett steht in der geöffneten Tür, weicht nach hinten aus. Wir betreten die Wohnung. Bier- und Schnapsflaschen stehen herum, die Luft ist geschwängert von Alkohol- und Nikotingeruch. Auf dem abgewetzten Sofa und dem Boden liegen Kleidungsstücke verstreut. In einem anderen Zimmer stehen zwei kleinere Betten für die Kinder, kaum benutzt. Susann sitzt auf dem Sofa und hustet asthmatisch.

„Komm, Susann“, befiehlt Jeannett ihrer Schwester, „pack deine Sachen zusammen. Laß uns gehen.

Ich blicke Ruth an. „Können wir das machen?“, frage ich sie. „Wir müssen“, gibt sie zurück. „Hier können die Kinder nicht bleiben.“

Die Kinder verlassen die Wohnung, wir ziehen die Tür hinter uns zu. Alles schnell schnell, durch den Hinterhof, zur Haustür hinaus und ins Auto.

„Bin ich froh, dass wir da weg sind“, seufzt Jeannett. Susann ist bereits eingeschlafen. Ab und zu hustet sie.

Im Hotel geht alles schnell: Zähne putzen, bettfertig machen, rein ins Bett.

Da fällt mir etwas ein. „Jeannett, hast du die Telefonnummer deines Vaters eingespeichert?“

„Ja“, antwortet sie, „nimm mein Telefon.“

Ich rufe die Nummer und schalte auf laut.

„Ja“, meldet sich eine Männerstimme.

„Wir haben die Kinder abgeholt“, sage ich bestimmt. „Niemand war in der Wohnung und sie haben sich gefürchtet. Ich glaube, das ist besser so.“

„“Wat ham se?“, fragt die Stimme lallend. Ein Moment ist Ruhe. Dann ist es, als ob das Telefon explodieren will.

„Dit hat Folgen, dit sach ick Sie, dit hat Folgen!“, brüllt es aus dem Hörer. Dann klick. Aufgelegt.

„Was meint er denn?“, fragt Jeannett ängstlich. „Nichts Schlimmes, meine Kleine“, beruhige ich sie. „Solange wir bei euch sind, kann nichts passieren.“

Die Nacht wird unruhig. Immer wieder werfen sich die Kinder im Bett hin und her, sie stöhnen, Susann weint manchmal leise. Lange dauert es, bis sie Ruhe finden.

Als wir am nächsten Morgen erwachen, ist die Stimmung gedrückt, auch wenn wir uns ein schönes Frühstück machen. Wir beschließen, nach dem Frühstück nach Hause zu fahren. Einige Male müssen wir anhalten, um den Kindern Gelegenheit zu geben, sich auszutoben und auf andere Gedanken zu kommen. Für uns bedeutet es, am Montag Frau Schilling anzurufen und ihr über diesen chaotischen Besuchstermin Bericht zu erstatten. Wir wissen nicht, wie sie es aufnehmen wird.

Wieder kommen uns Zweifel. Haben wir richtig gehandelt? Hätten wir das tun dürfen?

Haben wir uns ins Unrecht gesetzt? aber wir haben doch nur etwas getan, das jeder Mensch mit normalem Menschenverstand auch getan hätte. Wir können die Kinder nicht leiden lassen. Wir können sie nicht auf sich selbst gestellt lassen. Wir konnten ihrem Flehen nicht widerstehen.

Wie kann man Kindern so etwas antun! Wie kann das Jugendamt es zulassen, dass es zu solchen Situationen kommt? Haben sie es sich nicht denken können, wie wir es uns auch gedacht haben? Es ist einfach nur unfassbar.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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