Versuch missglückt

Pflegeeltern begeben sich manchmal in Situationen und lernen Menschen kennen, mit denen sie eigentlich nie etwas zu tun haben wollten. Aber es liegt in der Natur der Sache, dass die leiblichen Eltern nicht die selbe Herkunft haben und in der selben Umgebung leben wie die Pflegeeltern. Sonst wären ihre Kinder nicht zu Pflegekindern geworden.

Heute ist Besuchskontakt. Wir haben uns mit dem Vater unserer beiden im Park auf dem Grillplatz verabredet. Er kommt eine halbe Stunde zu spät. Für unsere Kinder ist es ein ganz normaler Ausflug, auch, wenn sie wissen, dass sie ihren Vater wieder sehen werden. Sie fühlen sich geborgen in unserer Anwesenheit. Deshalb macht ihnen die Verspätung nichts aus.

Heran schlurft ein Mann, offensichtlich gezeichnet, blaß, mit rotem Kugelkopf, weniger von seinem Schmerbauch vom letzten Mal. Das Cabriofahren hat er wohl aufgeben müssen.

„Tach“ begrüßt er uns kurz. Er versucht, seine Töchter zu sich heran zu ziehen. Die wehren sich vorsichtig.

„Wie jeht´s in der Schule?“, fragt er.

„Gut“, antwortet Jeannett. Susann ist sich nicht sicher, was sie aus der Situation machen soll.

„Papa ist ooch zur Schule jejangen, als er im Knast war“, plaudert er aus dem Nähkästchen. „War Scheiße, hat nischt jebracht.“

Dann sieht er sich um, als suche er etwas. Er zieht eine Zigarette aus der Tasche und zündet sie an, bläst den Rauch hinaus.

„Ick jeh mal ´n Moment, wat zu trinken koofen. Hab ziemlichen Durscht.“ Dann macht er sich auf zu dem kleinen Kiosk am Rande des Parks.

Wir stellen den mitgebrachten Grill auf, entfachen die Kohle. Die Nackensteaks werden auf das Rost getan und beginnen zu duften.

Da kommt der Kindesvater zurück getrottet, in der Hand eine Bierflasche. Ruth versorgt die Kinder mit Saft. Die Kinder sind auf dem in Sichtweite befindlichen Spielplatz und amüsieren sich.

„Riecht ja schon jut“, bemerkt der Kindesvater. Seine Augen sind rot unterlaufen.

Schließlich kommen die Kinder zurück. Jeder bekommt ein Brötchen, aufgeschnitten, mit dem Nackensteak darin. Wir sitzen auf den Parkbänken.

Plötzlich springt der Kindesvater auf. In seiner Hand hält er eine Digitalkamera. Er fotografiert seine Töchter beim Essen.

„Stellt euch doch mal zusammen“, befielt er, „ick will ja ooch ma ´n paar bilder ham von euch. Seid ja schließlich meine Töchter.“

Die Kinder stehen auf, fassen sich an die Hände, grinsen. So wie damals im Heim, als wir sie das erste Mal besuchten. Es scheint die „Du-bist-fremd-tu-uns-nichts-wir-halten-zusammen“-Pose zu sein.

Nach einem weiteren Nackensteak, ein paar Bierflaschen und etliche Zigaretten später verabschiedet sich der Kindesvater.

„Ick muss jehn, sonst schaff ick den Zuch nicht, denn muss ick so weit loofen“, erklärt er. Und schlurft zurück zum Bahnhof.

Was war das nun? Will dieser Mann, der zu jeder emotionalen Regung unfähig ist, der nur Bier und Zigaretten kennt und sich an  unserem Grillgut gütlich getan hat, die Kinder haben? Was will er mit ihnen anfangen? Die einzige Verbindung, die er zu seinen Kindern hat, ist die Abstammung. Für das Wohlergehen hat er bisher nicht viel getan, im Gegenteil.

Wir wissen nicht, wie das weiter gehen soll. Einen Besuch beider Kinder mit Übernachtung  in seiner Wohnung finden wir nicht nur verantwortungslos, sondern gefährlich. Wir befürchten das Schlimmste. Aber es ist ja bekannt, dass Jugendämter Entwicklungen so weit treiben oder treiben lassen, bis Kinder zu Schaden kommen. Es würde uns das Herz brechen.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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