Versuchs-Besuch

Pflegeeltern werden oft zu etwas gezwungen, was sie ihren Pflegekindern nie antun würden. Zwar haben die leiblichen Eltern das Recht, ihre Kinder zu sehen, aber ist es richtig, die Kinder dazu zu zwingen? Sollten sie nicht lieber die Möglichkeit haben, in Ruhe und einer sicheren Umgebung aufzuwachsen?

Frau Schilling, unsere Sachbearbeiterin vom Jugendamt, scheint nicht der Ansicht zu sein. Sie bittet uns zu einem persönlichen Gespräch in ihren Diensträumen.

„Wie Sie wissen, möchte der leibliche Papa Besuchskontakte“, beginnt sie. „Ich schlage vor, dass sie am Freitag in zwei Wochen mit dem Zug nach Berlin fahren. Dort wohnt der Papa jetzt.“

Wir fallen vor Entsetzen fast von unseren Stühlen. Ruth errötet vor Wut. Sie ist sprachlos. Ich fasse mich zuerst.

„Wie stellen Sie sich denn das vor?“, bemühe ich mich so ruhig wie möglich zu bleiben. „Der Kindesvater ist doch völlig fremd für die beiden. Es ist eine völlig neue Umgebung. Das können die Kinder doch nie verkraften.“

„Das dort zuständige Jugendamt hat schon die Wohnverhältnisse überprüft“, fährt Frau Schilling fort, „alles ist in Ordnung, der Papa wohnt jetzt mit einer Lebensgefährtin in einer größeren Wohnung und es gibt genug Platz für die beiden Kinder.“

„Dazu können wir nie und nimmer zustimmen“, ereifert sich Ruth nun laut. „Was haben Sie eigentlich vor, den Kindern anzutun? Haben Sie denn kein bisschen Gefühl im Leib?“

Frau Schilling wird nervös, versucht aber äußerlich Ruhe zu zeigen.

„Da haben wir keine Wahl. Wenn Sie sich nicht kooperativ und professionell zeigen, müssen wir die Kinder in Obhut nehmen“, macht sie scharf und unumwunden deutlich.

Das ist eine eindeutige Drohung gegen uns, zu Lasten der Kinder, die in diesem Spiel offensichtlich gar nicht vorkommen. Also versuche ich einen Kompromiss zu erreichen.

„Wie wäre es“, wende ich ein, „wenn wir die Besuche erst einmal anbahnen? Das wäre für alle Parteien wohl das Beste. Wir wären bereit, den ersten Besuchskontakt hier stattfinden zu lassen. Wie es dann weiter geht, müsste man sehen.“

Frau Schilling entspannt sich. „Das wäre eine Idee. Wären Sie dann bereit, den Umgangskontakt zu begleiten?“

„Natürlich!“, bekräftigt Ruth. „Das ist eine gute Möglichkeit.“

„Dann sage ich dem Papa, dass er am nächsten Wochenende herkommt“, stimmt Frau Schilling zu. „Wie wäre es denn, wenn er zu Ihnen nach Hause kommt?“

Wir sehen uns gegenseitig an. Ein Blick, ein Gedanke.

„Das halten wir für keine gute Idee“, wende ich vorsichtig ein. „Wie wäre es denn mit einem Besuch auf dem Grillplatz im Park?“

„Das ist in Ordnung“. kommentiert Frau Schilling. „Ich werde es dem Papa mitteilen.“

„Allerdings müsste der Papa ja mit dem Zug kommen. Er müsste auch wieder rechtzeitig wegfahren, damit er rechtzeitig zu Hause ist“, gibt sie zu bedenken. „Sprechen Sie das mit ihm ab? Ich sage ihm, er soll sie anrufen.“

Wir stimmen allem zu, was einen Besuch in Berlin hinauszögert und worübe wir die Kontrolle haben. So haben wir eine Lösung erreicht, die unseren Kindern nicht allzu viel Schaden zufügt. Die weitere Entwicklung muss abgewartet werden.

Es ist uns unverständlich, dass das Jugendamt nichts tut, um uns zu helfen, aber alles, damit die leiblichen Eltern zu ihrem Recht kommen. Schon allein diese andauernde Verniedlichung des Täters als wäre er der liebende, von den Kindern geliebte Papa! Wir sind entsetzt darüber, dass unsere traumatisierten Kinder gar keine Rolle dabei spielen und niemand sich darum kümmert, wie es ihnen dabei geht. Warum müssen ihre Leiden so verlängert und verschlimmert werden, nur weil der Kindesvater seine Macht ausspielen will und deshalb auf seinem Recht beharrt?

Warum sind wir die jenigen, die nach professionellen Lösungen suchen müssen, die den Kindern möglichst wenig schaden und sie umsetzen sollen? Es ist eigentlich nicht unsere Aufgabe. Aber wir können nicht mit ansehen, wie das Leben unserer Kinder gegen die Wand gefahren wird. Wir sind Teil dieses grausamen Spiels, ob wir wollen oder nicht.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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