Honig – und der gute Grund

Wie oft verstehen Pflegeeltern nicht, was ihre Pflegekinder tun. Sie sind konfrontiert mit plötzlichen Situationen und fühlen sich urplötzlich angegriffen und in einer Abwehrhaltung. Aber wir schaffen es heute, den guten Grund zu erkennen und richtig darauf zu reagieren.

Ruth und ich sind in der Küche. Es ist Sonntag und wir haben ein richtig leckeres, dreigängiges Menü zusammengestellt, so wie es die Kinder auch lieben,

„Gehst du die Kinder holen?“, fragt mich Ruth, „das Essen ist jetzt fertig. Susann soll den Tisch decken, sie ist heute dran damit.“

Susanns Zimmertür ist offen. Sie ist nicht da. Ich ahne etwas. Also gehe ich in den Keller. Da bietet sich mir ein merkwürdiges Bild. Susann steht vor dem geöffneten Vorratsschrank, ein Glas Honig in der einen und einen Esslöffel in der anderen Hand. Der Honig ist zu einem Viertel leer.

„Susann, was machst du da?“, frage ich erstaunt. „Gib mir den Honig, wir wollen gleich Mittag essen.“

Susann versteckt das Honigglas hinter ihrem Rücken. „Nein, ich will nicht!“, schreit sie. „Ich ess den jetzt auf!“

„Susann – nein!“, bestimme ich. „Du gibst mir jetzt das Honigglas!“

„Nein!“, kreischt sie. „Nie bekomme ich etwas zu essen bei euch! Du bist so gemein!“

Susanns Gesichtsausdruck ist hasserfüllt. Sie tritt gegen den Vorratsschank.

Ich spüre das Blut in mir kochen. „So schon gar nicht! Gib mir jetzt das Honigglas!“ Und mit einem geschickten Griff entwende ich es ihr.

Nun beginnt Susann, nach mir zu schlagen und zu treten. „Ich hasse dich, ich hasse dich, du bist so Scheiße!“, kreischt sie.

In mir steigen Bilder hoch, blitzartig. Ich sehe Susann in ihrer Herkunftsfamilie, das Geld ist knapp, es gibt nur wenig zu essen und zu unregelmäßigen Zeiten. Sie hat Hunger. Also nimmt sie sich, was sie bekommen kann. Warum soll ich nicht aussprechen, was sie denkt?

„Susann, wenn ich sehe, wie es dich aufregt, dass ich dir das Honigglas weggenommen habe, dann frage ich mich, was der Grund dafür ist. Du hast sicher einen Grund dafür, so wütend zu werden“, spreche ich in ruhigem Ton, während Susann sich die Tränen aus den Augen wischt.

„Weil du mir mein Honigglas nicht zurückgibst!“, antwortet sie, noch laut, aber schon ruhiger.

Ich mache einen Ansatz. „Ja, deshalb bist du jetzt so wütend, und ich glaube, dass du früher auch schon sehr wütend geworden bist, wenn du nichts zu essen bekommen hast.“

„Woher weißt du das?“, fragt sSusann, jetzt mit gesenktem Kopf und ziemlich leise.

„Weil ich auch sehr wütend wäre, wenn ich Hunger hätte und nichts zu essen bekommen würde. Das muss sehr schlimm sein.“

„Ja, das war auch schlimm“, läßt sich Susann nun auf meinen Versuch ein. „Manchmal konnte ich vor Hunger nicht schlafen.“

„Ich finde, du hattest Recht, wütend zu sein, wenn deine Mutter dir nicht das gegeben hat, was du zum Leben brauchtest. Ich wäre da auch wütend.“

„Meinst du wirklich?“, fragt Susann erstaunt.

„Klar! Ein Kind muss bekommen, was es zum Leben braucht. Du hast bestimmt ganz dolle Angst gehabt und hast gedacht, du kannst nicht weiter leben. Das ist für Kinder schrecklich, und dass du dann wütend wirst, kann ich gut verstehen.“

„Hättest du auch Angst, wenn deine Mama dir nichts zu essen geben würde? Würdest du dann auch wütend werden? Wie ich jetzt“

„Ich glaube schon“, sage ich vorsichtig.

„Wirklich?“, fragt sie leise und kuschelt sich an mich.

„Sicher“, bestätige ich. „Und du weißt, dass du bei uns immer was zu essen bekommst. Wir haben ein ganz tolles Mittag gekocht. Möchtest du für uns den Tisch decken? Im Wohnzimmer?“

Susann nickt wortlos, wendet sich um und stapft die Kellertreppe hinauf.

Traumatisierte Kinder handeln für ihre Umwelt scheinbar unberechenbar. Aber sie sind nicht böse. Es gibt immer einen guten Grund für ihr Verhalten. Zugegeben, es ist selten, dass ihre Mitmenschen diesen Grund erkennen und ihn auf kindliche Weise benennen und ihr Verständnis äußern können. Es braucht eine deeskalierende, stressmindernde Situation. Das ist im Alltag nicht immer zu verwirklichen, und schon gar nicht in der Schule oder in der Kita, wo die Umwelt keine Ahnung davon hat, was diese Kinder schon durchgemacht haben.

Ich fordere deshalb, dass die Bezugspersonen wie Pflegeeltern, Lehrer, Erzieher und Jugendamtsmitarbeiter traumatisierter Pflegekinder dazu verpflichtet werden, an Fortbildungen teilzunehmen, die ihnen die Hintergründe für traumatisiertes Verhalten aufzeigen und ihnen, z.B. in Supervisionen, Möglichkeiten an die Hand gegeben werden, die Gründe für dieses Verhalten zu erkennen und richtig darauf zu reagieren. Nur so können traumatisierte Kinder lernen, mit ihren seelischen Verletzungen besser umzugehen und ein halbwegs „normales“ Leben zu führen.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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